Die mittelständischen Unternehmen gehören noch immer zum
Fundament unserer Volkswirtschaft. Meine Sympathie für diese Unternehmen hat während
meiner Zeit als Berufspolitiker nicht nachgelassen. Es ist und war mir stets ein
Anliegen, für Rahmenbedingungen einzutreten, welche ihnen eine gedeihliche
Entwicklung ermöglichen. Ihr Verband vertritt die Interessen solcher
Unternehmen. Ich freue mich, dass gerade ich als ehemaliger Unternehmer die
Festansprache zu Ihrem Jubiläum halten darf.
Zunächste möchte ich Ihnen die Gratulation und die Glückwünsche
des Bundesrates überbringen!
Zuerst wollte ich zu einigen aktuellen Sachthemen
sprechen, etwa über die neusten Entwicklungen im Bereich der Steuern oder über
die Wirtschaftslage. Aber dann fand ich das einem Jubiläum nicht angemessen.
An einem solchen Anlass sollte man eher über grundsätzliche
und längerfristige Probleme nachdenken. Ich will das auch so halten!
Geld, Geist und Staat bilden ein hoch interessantes
spannungsgeladenes Dreieck. Das Verhältnis der drei Ecken zueinander, die Art
ihres Ineinandergreifens, ihrer Wechselwirkungen entscheiden über Wohlstand
oder Armut, Stabilität oder Turbulenz, Chancen oder Hoffnungslosigkeit.
Dabei will ich unter Geld heute sozusagen "Hardware
" verstehen, etwa Markt, Cash flow, Shareholdervalue, Leistung, BIP,
Wachstum und dergleichen. Geist symbolisiert eher die "Software ", das
schwieriger Fassbare, das Unscharfe, etwa Ideen, Verantwortung, Visionen oder
Solidarität. Beim Staat geht es dann um Dinge wie Gemeinwesen, Ordnung,
Rahmenbedingungen, Strukturen.
Bei Staat und Geld stellen sich Fragen wie die
Rollenteilung zwischen Staat und Wirtschaft, ordnungspolitische Fragen also.
Manche glauben, damit habe es sich. Ich bin nicht dieser Meinung. Erst, wenn der
Geist dazu kommt, kann das Ganze spielen.
Ich will mit dem Staat beginnen. Ich weiss, dass es verpönt
ist, wenn man die Schweiz als Sonderfall sieht. Trotzdem möchte ich ausdrücklich
von unserem Staat sprechen. Dabei wird sich zeigen, dass da doch einige
Besonderheiten sind.
Die Schweiz ist ein eigenartiges Gebilde. Sie gilt als
eines der stabilsten und erfolgreichsten Länder der Welt, obwohl alle
objektiven Fakten eigentlich für besondere Zerbrechlichkeit und Instabilität
sprechen würden: Uns verbindet weder eine gemeinsame Sprache, noch eine
gemeinsame Kultur oder eine gemeinsame Konfession. Wir sind ein Konglomerat von
Minderheiten. Vom Charakter her neigen wir zu Streitlust, Gezänk und
Kritikastertum, auch in der Politik. Die Schweiz ist auch widersprüchlich:
stockkonservativ und statisch auf der einen Seite, progressiv und manchmal fast
stürmisch voran drängend auf der anderen. Wenn wir aber über keine natürlichen
Bindekräfte verfügen, muss es etwas anderes sein, das uns immer wieder vor dem
Auseinanderbrechen bewahrt, etwas von Menschen Geschaffenes, eine Art spezieller
Kultur des Zusammenlebens, des sich immer wieder Zusammenraufens. Es muss
unbewusste, fast instinktive Verhaltensweisen geben, welche das Zerfallen
unserer im Grunde fragilen Nation im Laufe einer bewegten Geschichte immer
wieder verhinderten; Es muss in unserem Zusammenleben Mechanismen geben, welche
die natürlichen zentrifugalen Kräfte zu überwinden und den Zusammenhalt zu
sichern vermögen. Ich glaube, dass die Wurzeln dieser Verhaltensweisen und
Mechanismen weit zurückliegen. Ich will versuchen, ihnen nachzugehen.
Um 1200 waren die Menschen in unseren Alpentälern arm.
Sie lebten schlecht und recht von einer kargen Selbstversorgungswirtschaft. Für
die Fürsten, Könige und Kaiser waren die Talschaften uninteressant. Vom 11.
bis zum 13. Jahrhundert entwickelten sich die Städte. Die Menschen in den
Alpenregionen merkten, dass sie besser lebten, wenn sie den kargen Ackerbau
aufgaben und mit Viehzucht die wachsende Nachfrage der Städte nach Fleisch, Käse,
Butter und Häuten deckten. Das führte zu einem tiefgreifenden wirtschaftlichen
Umbruch, einer markanten Strukturveränderung, wie man heute sagen würde. Die
neue Arbeitsteilung schuf einen gewissen Wohlstand.
Die Viehzucht erlaubte es nicht mehr, nur auf die Familie
zu bauen wie bei der ackerbaulichen Selbstversorgung. Es gab gemeinschaftliche
Aufgaben zu lösen, gemeinschaftliche Bedürfnisse zu decken und
gemeinschaftliche Finanzen zu verwalten. Eine Schicksalsgemeinschaft entstand in
der Talschaft. Alle befassten sich mit dem kleinen Gemeinwesen, es entwickelte
sich eine genossenschaftlich geprägte Solidargemeinschaft. Es entstand jene
Gemeinschaft, welche Karl Schmid als den Kleinen Kreis bezeichnete. Es galt, die
Interessen der Talschaft nach aussen zu vertreten. Das brauchte Entscheidungs-
und Ausführungsorgane und fand in der Talgenossenschaft den institutionellen
Ausdruck. Oberste Instanz wurde die Versammlung der Männer über 14 Jahren. Es
war dies die Urzelle der Landsgemeinde. Wappen, Banner und Siegel drückten das
wachsende Selbstbewusstsein aus.
Im ganzen Alpenraum bildeten sich solche Strukturen.
Allerdings konnten sie sich praktisch nirgends halten. Für die Waldstätte
wurde zum Segen, dass sie von den Mächtigen vergessen worden waren. Deshalb
vermochten sich die genossenschaftlichen Strukturen zu festigen und Überlebenskraft
zu entwickeln.
Nach der Eröffnung des Gotthard begannen sich die europäischen
Handelsströme zu verschieben. Das weckte das Interesse der Habsburger. Um ihrem
Druck begegnen zu können, erneuerten die Urschweizer 1291 mit dem Bundesbrief
einen alten Landfrieden. Dieser sogenannte Bund der Eidgenossen sollte eine
nachhaltige Wirkung entfalten.
Die Habsburger nahmen drei Anläufe, um die
widerspenstigen Eidgenossen zu zähmen, und drei Mal wurden sie geschlagen: 1315
am Morgarten, 1386 bei Sempach und 1388 in Näfels. Damit war das Überleben des
Bundes endgültig gesichert.
Schon damals zeichneten sich im Grunde zwei gegensätzliche
Charakterzüge ab, welche unsere Mentalität noch heute prägen. Wirtschaftlich
ist die Gesellschaft innovativ, initiativ, dem Neuen aufgeschlossen. Aber allem,
war ihr von aussen kulturell und politisch aufgedrängt wird, begegnet sie mit
grösstem Misstrauen. Sie befürchtet, es gefährde das gesellschaftliche und
politische Gleichgewicht, die Identität sozusagen. Diese Haltung, meine ich,
ist bis heute spürbar. Sie prägt beispielsweise auch unsere Europadiskussion
und macht sie so schwierig.
Man kann auch davon ausgehen, dass die Verhaltensweisen
der alpinen Talgenossenschaften noch heute in unserer politischen Kultur
nachwirken. Das solidarische sich Kümmern aller um das genossenschaftliche
Gemeinwesen ging sozusagen in Fleisch und Blut über. Nichts von Belang wird aus
der Verantwortung aller entlassen, keine politische oder militärische Aufgabe
wird an eine besondere Kaste delegiert. Eine classe politique oder eine classe
militaire gibt es, im Gegensatz etwa zu Frankreich oder Deutschland, bei uns
eben gerade nicht.
Die Verfassung von 1848 mit den Revisionen von 1874 und
1891 setzte im Grunde die alten genossenschaftlichen Prinzipien in eine moderne
Staatsform um.
Das durchgehende Milizprinzip und die direkte Demokratie
sind die institutionelle Umsetzung der allgemeinen Befassung mit dem Staat. Der
Föderalismus mit der kantonalen Kompetenzvermutung verkörpert das Primat der
kleinen politischen Einheit, ursprünglich der Talschaft. Nach oben wird nur
delegiert, was zur Bewältigung der jeweiligen Arglist der Zeit unbedingt nötig
ist. Die Strukturen sind so, dass die Zentralmacht gebändigt bleibt.
Machtbegrenzung charakterisiert das politische Leben.
Noch etwas lernten die Eidgenossen. Man darf die internen
Spannungen und enormen Gegensätze - auch eine Konstante unserer Geschichte! -
der damaligen Talschaften nicht unterschätzen. Blutige Familienfehden waren
nicht selten. Deshalb legte der Bundesbrief mit der Schaffung von
Schiedsgerichten ein Schlichtungsverfahren fest, das sich bewährte und sich
ebenfalls zu einem der politischen Fundamente der zerbrechlichen Willensnation
entwickelte, zur Kultur der tauglichen Kompromisse. Die Konkordanz, also die
Einbindung der wichtigsten politischen und sprachlichen Kräfte in die
Regierungsverantwortung zur Schaffung mehrheitsfähiger Kompromisse, ist so gut
Ausfluss dieser Grundhaltung, wie etwa das Friedensabkommen der Sozialpartner,
das sich für das Land so segensreich ausgewirkt hat.
Dass unser zerbrechliches kleines Land ohne Bodenschätze
und ohne jede weltpolitische Bedeutung viele Jahrhunderte erfolgreich überlebte,
ist oft als Wunder empfunden worden. Das ist es wohl letztlich auch. Aber gewiss
haben der nie erlahmende Wille zum selber Besorgen der eigenen politischen Geschäfte,
zur Selbstbestimmung also, die Kultur im Umgang mit Minderheiten und mit
internen Differenzen sodann und schliesslich die gelebte Solidarität
massgeblich dazu beigetragen. Direkte Demokratie, Föderalismus, Konkordanz und
Respekt vor Minderheiten verbanden sich zu einer politischen Kultur, welche nach
wie vor die politische Basis der Willensnation ist. Unser politisches System des
Einbezugs des Volkes und aller Stakeholder in die politische Willensbildung ist
komplex. Aber niemand wird behaupten können, es produziere schlechtere
Resultate als parlamentarische Demokratien.
Die direkte Demokratie politisiert das Volk, gibt
politischen Entscheiden eine hohe Legitimation und erlaubt allen Gruppen, ein
Thema auf die politische Agenda zu setzen. Sie zwingt die Regierenden zur
permanenten Rechtfertigung ihrer Politik. Der Föderalismus bändigt die
Staatsmacht durch Teilung, entwickelt durch den Wettbewerb zwischen den
Gliedstaaten innovative Lösungen und erlaubt Minderheiten und Regionen, ihr
engeres Umfeld selber zu gestalten und damit ihre Identität zu bewahren. Die
Konkordanz produziert Lösungen, die meist mehrheitsfähig sind. Sie wirkt
integrierend. Das kann in unserem sehr heterogenen, letztlich aus lauter
selbstbewussten Minderheiten bestehenden Land nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Dieses politische System schuf einen der wenigen wirklich erfolgreichen
Vielvölkerstaaten. Weil unser Zusammenhalt letztlich das Resultat einer
kulturellen Leistung ist, durch besondere Institutionen begünstigt, bedarf er
der sorgsamen Pflege. Diese kulturelle Leistung muss immer neu erbracht werden.
Wegen des beachtlichen Alters unserer Institutionen und
weil die direkte Demokratie oft langsam ist, haben wir den Ruf eines Landes, in
dem sich wenig verändert. Gerade das aber ist nicht wahr. Die Schweiz befindet
sich in einem permanenten Veränderungsprozess. Unsere direkt demokratischen
Institutionen sind sozusagen die Reaktoren, in welchen ein beständiger, oft
chaotischer und widersprüchlicher politischer Gärprozess unter Einbezug aller
Stakeholder stattfindet, und am Schluss entstehen aus diesem Gärprozess
politisch operable Entscheide.
Wo ist nun die Trennlinie zwischen Staat und Wirtschaft?
Etwas vereinfacht kann man sagen, der Staat sei die ordnende, die Wirtschaft die
handelnde Instanz. Der Staat setzt den Rahmen, innerhalb dem sich die Wirtschaft
frei entfalten können muss. Eine moderne Wirtschaft ist aber im reinen Nachtwächterstaat
nicht mehr denkbar. In Bereichen wie etwa Sicherheit, Infrastruktur, Bildung,
Forschung, soziale Sicherheit usw. muss der Staat Leistungen erbringen. Zur
Durchsetzung des Rechts oder des Wettbewerbs braucht er Autorität. Deshalb
brauchen wir einen starken Staat. Aber dieser Staat muss begrenzt sein und der
Gesellschaft und Wirtschaft genügend Freiräume belassen.
Lassen Sie mich zur Finanzpolitik kommen. Wir richten sie
auf drei Leitplanken aus. Zum ersten soll die Verschuldung nachhaltig bleiben.
Das bedeutet, dass die Schuldzinsen nicht zu grosse Teile der Steuereinnahmen
weg fressen und dass die nächsten Generationen nicht mit Schulden überlastet
werden dürfen. Nach unseren Schätzungen kommen wir mit unseren Schulden klar
in die Gefahrenzone. An einen Schuldenabbau ist zur Zeit allerdings nicht zu
denken. Aber die Schuldenbremse wird uns zwingen, die Schulden mindestens zu
stabilisieren. Damit sinkt die Verschuldungsquote langfristig, was zu einer
hinreichenden Entspannung der Verschuldungssituation führt.
Zur Zeit wird in der Öffentlichkeit die Schuldenbremse
von jenen Kreisen, die mehr vom Staatseuter möchten, als staatsgefährdende
Zwangsjacke dämonisiert. Das ist sie keineswegs. Bei gleich bleibenden Steuersätzen
lässt sie sogar ein Wachstum der Staatsausgaben im Gleichschritt mit dem BIP
zu. Sie reduziert also die Staatsquote nicht, aber ohne Steuererhöhungen
stabilisiert sie sie. Aber die Schuldenbremse wirkt jetzt halt und beschneidet
überbordende Begehrlichkeiten. Das ist für viele unangenehm.
Zum zweiten möchten wir innerhalb der OECD-Staaten bei
jenen mit den tiefsten Staats- und Steuerquoten sein. Das ist für unsere
internationale Konkurrenzfähigkeit von grösster Bedeutung.
Wenn wir aber nachhaltige Verschuldung und tiefe
Steuerquote gleichzeitig wollen, steht nicht beliebig viel Geld zur Finanzierung
der Staatsaufgaben zur Verfügung. Daraus ergibt sich die dritte Leitplanke: Der
Staat muss sich auf die wesentlichen Aufgaben beschränken, und er hat diese möglichst
effizient zu erfüllen.
Unsere Zahlen zeigen, dass politische Bedürfnisse
angemeldet und Projekte in der politischen Pipeline sind, die ohne Steuererhöhungen
nicht finanzierbar sind. Jede Ausgabe ist für sich begründbar, seien es
Kinderkrippen, höhere Familienzulagen, höhere Bildungs- und
Forschungsaufgaben, mehr öffentlicher Verkehr, mehr für die Behinderten usw.
Aber niemand ist bereit, Mehrausgaben in diesen Grössenordnungen anderswo zu
kompensieren. Eine erneute Schuldenexplosion kommt nicht in Frage. Nachdem
unsere Steuerquote in den letzten Jahren ebenfalls gewachsen und unser Vorsprung
geschmolzen ist, sind Steuererhöhungen nicht vertretbar. Es führt nichts um
die Notwendigkeit herum, den beschwerlichen Weg des Masshaltens und des
Verzichts auf Wünschbares zu gehen.
Sie werden aber verstehen, dass in dieser Situation auch
Steuersenkungen über das aller notwendigste hinaus unrealistisch sind.
Notwendig ist die Reform der Familienbesteuerung mit der Beseitigung der
Benachteiligung der Zweiverdienerehepaare. Diese Reform wird den Mittelstand
entlasten und Anreize für nichtverdienende Ehepartner schaffen, eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen. Notwendig ist auch die Reform der Umsatzabgabe, um nicht Arbeitsplätze
zu verlieren.
Jede zusätzliche Steuersenkung müsste von einem
entsprechenden Verzicht begleitet sein. Dafür finden sich kaum Mehrheiten.
Deshalb wird sich eine allfällige zweite Unternehmenssteuerreform auf
strukturelle Verbesserungen beschränken müssen.
Die drohende Ausgabenexplosion beunruhigt mich nicht nur
wegen der finanzpolitischen Konsequenzen. Sie ist auch Symptom eines wieder
hektischeren Ausbaus der Staatstätigkeit. Gewiss, einiges ist angesichts der
wachsenden Komplexität von Gesellschaft und Wirtschaft wohl unvermeidlich. Aber
vieles ist auch Ausdruck ungebremster Staatsgläubigkeit und Regulierungswut.
Das beschäftigt mich nicht nur als Bundesrat, sondern vor allem auch als
Staatsbürger. Ich fürchte auch, dass die Zahl jener, die direkt oder indirekt
vom Staat leben oder unterstützt werden, stark wachsen wird. Das könnte sich längerfristig
gesellschafts- und standortpolitisch negativ auswirken. Eine Erosion des Willens
zur Selbstverantwortung wäre fatal.
Unsere Sozialwerke sind tragende Pfeiler der sozialen und
politischen Stabilität. Sie tragen auch bei zum nationalen Zusammenhalt. Die
Schweiz lässt sich den Sozialstaat etwas kosten: Die Ausgaben für soziale
Sicherheit betrugen im Jahr 2000 ohne Doppelzählungen 113 Milliarden. Der
Anteil am BIP stieg in den neunziger Jahren um nicht weniger als 8 Prozentpunkte
und erreichte mit 27,4 % das EU-Niveau. Diese Sozialausgaben sind nur mit einer
überdurchschnittlich leistungsfähigen Wirtschaft überhaupt finanzierbar. Die
Sozialwerke dürfen deshalb die Volkswirtschaft nicht überlasten und keine
negativen Leistungsanreize vermitteln. Unser Sozialnetz ist im internationalen
Vergleich sehr dicht und leistungsfähig. Es entspricht den erwähnten Kriterien
noch einigermassen. Von zwei Seiten her entstehen aber Risiken:
Erstens erhöhen sich vor allem wegen der demografischen
Entwicklung die Kosten vieler Sozialwerke, auch wenn die Leistungen nicht erhöht
werden. Da wir aus Gründen der internationalen Konkurrenzfähigkeit die
Volkswirtschaft nicht beliebig mit Steuern und Sozialabgaben belasten können,
sind dem weiteren Ausbau des Sozialstaates Grenzen gesetzt. Der Bundesrat legt
deshalb das Schwergewicht auf die Konsolidierung der bestehenden Sozialwerke,
was gewisse notwendige Anpassungen natürlich nicht ausschliesst. Die
Konsolidierung nur mit Sparmassnahmen ist politisch nicht durchsetzbar und würde
zu stabilitätsgefährdenden Leistungskürzungen führen. Deshalb ist eine
ausgewogenen Mischung aus Mehrwertsteuererhöhungen und Sparmassnahmen
anzustreben. Die Lust der Politik an Letzterem ist allerdings nicht sehr überzeugend.
Eine langfristige und wirtschaftsverträgliche Konsolidierung ist bei Lichte
besehen noch nicht in Sicht.
Zweitens ist festzustellen, dass zunehmend neue soziale
Bedürfnisse etwa im Bereich der Familienpolitik artikuliert werden. Es ist
legitim, sich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen immer wieder die
Frage zu stellen, ob das bestehende Sozialnetz den aktuellen Bedürfnissen noch
entspricht. Ich stelle aber fest, dass die Konsolidierungselemente in der
Sozialpolitik durch die Ausbauwünsche weit über kompensiert werden. Das
bedeutet, dass uns ein Kostenschub bevorstehen könnte, der unser
Wachstumspotential und damit unsere Konkurrenzfähigkeit erheblich beeinträchtigen
würde. Es bereitet mir kein besonderes Vergnügen, das immer wieder als Rufer
in der Wüste zu wiederholen. Aber es gehört halt zu den Pflichten des
Finanzministers.
Wenn es schlecht geht, mobilisiert die Schweiz Reserven. Während
der Stagnation der neunziger Jahre mit ihren schmerzlichen Begleiterscheinungen
sind wir nach einer Phase der Lähmung und der Selbstzweifel erwacht und haben
viele strukturelle Probleme angepackt: Umstrukturierung der Bundesbetriebe,
Verschärfung des Kartellrechts, Sanierung der Bundesfinanzen, Paradigmenwechsel
in der Landwirtschaft, Reformen im Bildungswesen, Reform der
Unternehmensbesteuerung, Erfolg der Bilateralen I, Bau der Alpentransversalen,
um nur einige Bereiche zu nennen. Das Volk folgte in Abstimmungen fast immer den
Parolen von Bundesrat und Parlament. Die Wirtschaft packte ihre Hausaufgaben
ebenfalls an und passte, teils unter Schmerzen, ihre Strukturen an die globalen
Herausforderungen an. Der Erfolg liess nicht auf sich warten. Die Wirtschaft
begann wieder zu wachsen, die Arbeitslosigkeit sank, der makroökonomische
Datenkranz war nahezu optimal, die öffentlichen Finanzen begannen zu genesen.
Der Standort erwies sich als konkurrenzfähig. Die Schweiz kam in eine
vergleichsweise beneidenswerte Verfassung.
Aber immer, wenn es gut geht, muss man besonders
aufpassen. Ich bin der Meinung, die Standortqualität der Schweiz sei nach wie
vor gut. Aber Standortqualität ist nichts Statisches, sondern sie misst sich am
Vergleich mit andern. Viele andere Länder haben ihre Hausaufgaben auch gemacht.
In vielen Bereichen ist unser Vorsprung kleiner geworden. Wir müssen deshalb
jetzt die Standortqualität von morgen vorbereiten. Ich habe nun aber den
Eindruck, dass bei uns gewisse Sättigungssymptome und Ermüdungserscheinungen
spürbar sind. Von der Renaissance der Begehrlichkeiten dem Staat gegenüber
habe ich schon gesprochen.
Aber ganz allgemein stelle ich eine aufkeimende Reformmüdigkeit
fest. Die Bereitschaft zu Liberalisierungen und Umstrukturierungen nimmt
sichtlich ab. Symptome dafür gibt es einige. Eine Initiative zur Sicherung des
Poststellennetztes ist rasch zustande gekommen, obwohl es doch um
Dienstleistungen und nicht um Immobilien gehen müsste. In kantonalen
Abstimmungen sind Zeichen gegen Liberalisierungen und Privatisierungen gesetzt
worden. Gegen Reformvorhaben wie das Elektrizitätsmarktgesetz oder die
Erneuerung des Föderalismus mit der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der
Aufgabenverteilung bildet sich hartnäckiger Widerstand. Es ist, als ob nach
eine Phase der Reformen und Anpassung an neue Umstände das Pendel zurückschlüge.
Das ist nicht einmal völlig unverständlich. Viele Menschen werden vom Tempo
des Wandels überfordert, der Abschied von Vertrautem fällt schwer. Die
Globalisierung, obwohl Grundlage unseres Wohlstandes, erzeugt Ängste. Alles
wird komplizierter und schwieriger. Viele Menschen sind deshalb verunsichert und
suchen vermeintlichen Halt im Vertrauten, Bewährten und Einfachen. Diese
Verunsicherung wird politisch auch weidlich ausgeschlachtet.
Das Problem ist nicht, dass wir nicht wüssten, was zu tun
wäre. Das Problem ist, dass wir es tun. Die OECD hat uns den Spiegel
vorgehalten, und der Bundesrat hat in seinem Wachstumsbericht den Finger auf
wunde Punkte gelegt. Ich will nur einige Stichworte geben. Das neue Elektrizitätsmarktgesetz
ist wichtig, wir müssen das Volk davon überzeugen. Wir dürfen die Post nicht
mit starren Fesseln daran hindern, ihre Konkurrenzfähigkeit zu steigern, sonst
wird sie zum immobilen Koloss, der bleischwer auf dem Steuerzahler lastet und
der in einer modernen Zeit seine Funktion nicht mehr zureichend erfüllen kann.
Die Landwirtschaft hat schon einen eindrücklichen Restrukturierungsprozess
durchgemacht. Ich kann vor den Bauern nur den Hut ziehen. Ich weiss auch, dass
dieser Prozess schmerzlich ist. Aber auch hier darf der eingeschlagene Weg nicht
verlassen werden.
Das vielleicht Wichtigste ist, dass wir den Wettbewerb
auch auf den Binnenmärkten wirklich durchsetzen. Das ist für breite Teile der
Wirtschaft unangenehm, aber es zahlt sich in Wachstumspotential aus. Der neue
Finanzausgleich ist nötig, wenn wir nicht wollen, dass die Kantone Schritt für
Schritt zu reinen Verwaltungsbezirken degradiert werden. Dieses Projekt kann die
Effizienz des Gesamtsystems Schweiz zum Wohle aller steigern. Die Schuldenbremse
muss, auch wenn es schmerzt, konsequent umgesetzt werden. Die Arbeitsmärkte müssen
flexibel bleiben. Diesen enormen Wettbewerbsvorteil dürfen wir nicht gefährden,
weil sich zu viel Schutz im Endeffekt gegen die zu Schützenden wendet und zu höheren
Arbeitslosenraten führt.
Alles das mögen unangenehme Wahrheiten sein, aber nichts
führt an der Notwendigkeit vorbei, den beschwerlichen Weg der Reformen weiter
zu gehen.
Eigentlich hätte alles gut kommen müssen. Der Druck des
shareholder value war erfunden worden, um aus dem investierten Geld langfristig
die höchste Produktivität zum Wohle aller herauszupressen. Die new economy
versprach enormes Wachstum für die weitere Zukunft. Grossfusionen liessen
Skaleneffekte zu Gunsten aller Konsumenten erwarten. In freien Kapitalmärkten hätte
das Kapital ständig den Ort des rationellsten Einsatzes mit der Folge eines
globalen Wachstumsschubes entdecken sollen. Märkte, in denen der rational und
egoistisch handelnde homo oeconomicus stets das für sich Richtige tut, hätten
das Ganze so gesteuert, dass wir dem Glück auf Erden einen beachtlichen Schritt
näher gekommen wären.
Aber irgendwann lief irgendetwas schief. Das Wachstum
kommt ins Stocken, die new economy erweist sich als Blase, die Börsenkurse
fallen ins Bodenlose, Finanzkrisen in Schwellenländern beginnen sich zu häufen,
die Wohlstandsunterschiede wachsen, Perspektivlosigkeit und Armut in einzelnen
Weltgegenden schaffen ein enormes Gewalt- und Flüchtlingspotential, die
Konsumenten beginnen zu bocken. Pessimismus macht sich zunehmend breit.
Im Grunde wäre der allgemeine Zustand der Weltwirtschaft
nicht schlecht. Auch die Strukturen der Schweizer Wirtschaft sind trotz allen
bekannt gewordenen Pannen recht gesund. Das Problem liegt anderswo.
Geballt und unübersehbar kamen Machenschaften ans
Tageslicht, welche Zweifel an der Kompetenz, am guten Willen und an der
Redlichkeit von Teilen der sogenannten Elite haben aufkommen lassen. Um höhere
Gewinne und bessere Börsenkurse ausweisen zu können, wurden Bilanzen geschönt.
Revisionsorgane liessen sich korrumpieren und spielten mit. Manager, darunter
offensichtliche Versager, liessen sich Saläre und Abfindungen auszahlen, die
jeden Bezug zur Verantwortung und Leistung vermissen liessen. Das Denken in
Quartalsbilanzen löste vielerorts das Langfristdenken ab. Viele Topmanager
schienen den Sinn für Mass und Verantwortung verloren zu haben. Man hörte von
Politikern, die in undurchsichtige Machenschaften verwickelt sein sollen.
Kurzsichtige partikularegoistische Interessenvertretung und der Drang nach
Selbstdarstellung scheinen auch in der Politik da und dort den Sinn für
Verantwortung zu dominieren. Länder fallen in den Abgrund, weil ein
beachtlicher Teil der Eliten jeden Gemeinsinn vermissen lässt. Das alles hat
die Welt, hat auch die Schweiz, in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt.
Vertrauenskrisen führen dazu, dass Börsen tiefer fallen,
als es wirtschaftlich gerechtfertigt wäre, dass sich Konsumenten zurückhalten,
auch wenn sie genügend Kaufkraft hätten, und dass man auch jenen nicht mehr
glaubt, deren Glaubwürdigkeit eigentlich intakt wäre. Damit führt eine
Vertrauenskrise zunächst dazu, dass sich ein Land schlechter fühlt, als es ihm
wirklich geht - das ist zur Zeit mein Eindruck von der Schweiz! -, und dass es
ihm, wenn die Vertrauenskrise andauert, plötzlich wirklich schlechter geht.
Wir sind uns gewohnt, in harten, messbaren und
quantifizierbaren Fakten zu denken: BIP, Wachstumsraten, Inflationsraten,
Zahlungsbilanzen, Wechselkurse. Die Märkte sollen 's richten, und mathematische
Formeln quantifizieren das alles. Plötzlich aber kommt da so etwas Weiches,
Schwelendes, Diffuses, schwer Fassbares wie das mangelnde Vertrauen daher und
hat knallharte, milliardenschwere Konsequenzen, etwa in Form eines Börsencrashs.
Lange bauten die Ökonomen ihre Modelle allein auf
besagtem homo oeconomicus auf, einem seltsam künstlichen Wesen, das stets
vollständig rational und eigennützig handelt. Mit diesem Wesen lassen sich
durchaus viele ökonomische Erscheinungen plausibel erklären. Aber trotzdem
wird dieser Homunkulus auch in der Ökonomie zunehmend in Frage gestellt. Es
gibt eben in den Menschen auch andere als egoistische Bedürfnisse, etwa jene
nach Fairness und Gerechtigkeit. Diese Bedürfnisse zeigen sich vor allem in der
überblickbaren Gemeinschaft. In Versuchen kann man zeigen, was wir eigentlich
immer schon gewusst haben: Die meisten Menschen sind bedingt kooperativ. Sie
handeln für das Gemeinwohl, wenn andere dies auch tun. Sie wollen aber nicht
die Dummen sein, wenn andere es nicht tun. Schon daraus ergibt sich, wie
verheerend es sein kann, wenn die Eliten sich aus der Verantwortung für das
Gemeinwohl ausklinken. Warum soll ich mich als Portier für die Firma aufopfern,
wenn der Chef offensichtlich nur abzockt!? Warum soll ich ehrlich meine Steuern
deklarieren, wenn es legale Steuerschlupflöcher für gut betuchte Schlaumeier
gibt!?
Ohne Vertrauen funktioniert keine Gesellschaft und keine
Wirtschaft. Ich muss darauf vertrauen können, dass andere die Wahrheit sagen,
im Verkehr rechts fahren, Gesetze und Verträge einhalten, einigermassen fair
sind. Verträge und Erlasse können nie so detailliert ausgestaltet und mit
derart vielen Sanktionen flankiert werden, dass sie mit ausschliesslich
egoistisch handelnden Menschen wirklich funktionieren würden. Das Funktionieren
der Märkte und der Staaten setzt Vertrauen, sozialen Druck, Anstand, Anpassung
an die Normen der Gruppe und Sorge für das Wohlergehen anderer voraus.
Die Marktwirtschaft wird dadurch keineswegs aus den Angeln
gehoben. Im Gegenteil. So ist es beispielsweise plausibel, dass eine Wirtschaft,
die auch auf Vertrauen baut, rascher wächst: Je mehr über Gesetz und Vertrag
geregelt werden muss, desto höher werden Kosten und Zeitverluste.
Wer Erfolg haben will, muss Vertrauen in sein Produkt
schaffen und dieses Vertrauen stets rechtfertigen. Dasselbe gilt für Politiker.
Die moderne Realität ist äussert komplex. Es gibt für die Probleme auch keine
Lösungen mehr, die nur Vorteile haben. Niemand versteht mehr alles, niemand übersieht
mehr alles. Man glaubt deshalb im kontroversen Umfeld jenem Politiker, zu dem
man am meisten Vertrauen hat. Damit wird das Vertrauen zur wichtigsten Form der
Reduktion von Komplexität.
Vertrauen kann man aber nicht verordnen. Vertrauen ist das
Resultat langer seriöser Aufbauarbeit. Und Vertrauen ist rasch wieder
verspielt. Ich muss nun an dieser Stelle mein politisches Credo offenlegen. Es
ist nicht neu, ich weiss es. Aber ich fühle mich durch die momentane Lage und
durch die neuen Erkenntnisse der Ökonomie bestätigt. Dieses Credo umfasst 4
Elemente:
1. Die Gesellschaften der modernen entwickelten
Demokratien sind vielfältig, komplex, oft widersprüchlich. Sie müssen, wollen
und dürfen es bleiben. Dazu brauchen sie Freiheit.
2. Im globalen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf braucht
die Wirtschaft Freiräume, um genügend Kreativität und Leistungskraft zu
entwickeln. Überregulierte Wirtschaften serbeln dahin, verlieren an Konkurrenzfähigkeit.
Es ist deshalb falsch, bei jedem neu auftauchenden Problem immer gleich den
ohnehin schon überforderten Staat um Hilfe anzurufen und jedesmal neue Gesetze
und Vorschriften zu erlassen.
3. Freiheit ermöglicht aber den Missbrauch, sonst ist es
keine Freiheit. Sie lässt also auch den Bruch von Regeln zu, wie ich sie erwähnt
habe und wie sie für den Erfolg einer Gesellschaft oder einer Wirtschaft nötig
sind. Überschreiten die Missbräuche, um bei diesem Wort zu bleiben, ein
gewisses Mass, entsteht der Druck nach Einschränkung der Freiheit, nach
Regulierung, nach Überregulierung gar. Die Freiheit beginnt sich selber zu gefährden.
Vertrauen geht verloren mit allen damit verbundenen Konsequenzen.
4. Daraus entsteht ein Dilemma: Wir wollen Freiheit, dürfen
aber trotzdem nicht alles tun, was nicht verboten ist. Die Auflösung dieses
Dilemmas ist im Grunde einfach und banal. Wir müssen bei der Nutzung der
Freiheit gewisse gesellschaftliche Werte beachten wie Fairness, Orientierung am
Gemeinwohl, Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität usw.
Es sind dies letztlich ethische Werte. Man kann es auch einfacher formulieren:
Wir müssen die Freiheit verantwortlich nutzen. Verantwortung ist der Preis der
Freiheit.
Ich weiss, für viele ist eine solche Forderung
weltfremdes Moralisieren. Aber wir erleben es: Die Missachtung dieser Forderung
durch Teile der Elite führte beispielsweise zum erwähnten Vertrauensverlust,
dieser verschärfte die Korrektur an den Börsen massiv, und dies kostet die
Welt, auch die Schweiz, Milliarden. Oder man kann es nochmals anders ausdrücken:
Freie Wirtschaften und Gesellschaften bedürfen der ethischen Fundierung.
Eigentlich hat man das alles schon vor Jahren gelesen, etwa bei Wilhelm Röpke.
Dass im übrigen die Gesamtsteuerung der Wirtschaft dem
Markt obliegen muss, ist selbstverständlich. Die Verantwortung setzt das Gesetz
von Angebot und Nachfrage nicht ausser Kraft.
Der Vertrauensverlust, ich habe es gesagt, ist
tiefgreifend. Dabei darf man trotzdem feststellen, dass gerade in der Schweiz
der weitaus grösste Teil der Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik gute
Arbeit geleistet hat. Sonst wäre die Schweiz nicht in einem vergleichsweise
sehr gutem Zustand. Das zeigt aber, dass Fehlleistungen relativ Weniger dem
gesamten Vertrauensklima enorm schaden können. Die Anforderungen an die
moralische Integrität der sogenannten Elite müssen deshalb besonders hoch
sein. Ich habe unsere politische Kultur nicht zuletzt deshalb so eingehend
beschrieben, um zu zeigen, dass sie auf die verantwortliche Partizipation aller
bedeutenden Schichten, also auch der wirtschaftlichen Elite, angewiesen ist. Das
Ausklinken dieser Elite aus der Verantwortung würde deshalb nicht nur das
Vertrauen in die Wirtschaft selber tangieren, sondern auch das Vertrauen in
unsere politische Kultur.
Die Unternehmer und Manager stehen jetzt vor der
schwierigen Aufgabe, das angeschlagene Vertrauen wieder aufzubauen. Und diese
Aufgabe obliegt vor allem jenen, die den Vertrauensverlust gar nicht verursacht
haben. Dieser Wiederaufbau braucht Tatbeweise der Verantwortung. PR und schöne
Worte genügen nicht. Jetzt geht es darum, für die Verantwortung zu
sensibilisieren, und nicht, wie dies ratlose Politiker meistens tun, Motionen für
neue Gesetze zu schreiben. Die Zeit ist günstig. Der Schock war vielleicht
heilsam.
Nach diesen Überlegungen kann man die Ecken des Dreiecks
zueinander in Beziehung setzen. Die Rollenteilung zwischen Wirtschaft und Staat
muss stimmen. Der Staat muss Wirtschaft und Gesellschaft Freiräume belassen,
damit begrenzt bleiben, aber trotzdem stark sein, Autorität haben, finanziell
gesund sein. Der Markt, nicht der Staat, muss die Wirtschaft steuern. Alles das
ist notwendig, aber nicht hinreichend. Der Geist, vor allem als Verantwortung,
als Werthaltung, muss Geld und Staat flankieren, kontrollieren, begleiten. Dann
erst entsteht Wohlfahrt.
Vielleicht ist es ja der Geist, der den Unternehmer vom
Manager unterscheidet, wobei natürlich auch sehr gute Manager in Unternehmen
aller Grössenordnungen in diesem Sinne Unternehmer sind. Private
Aktiengesellschaften werden in der Regel von solchen Unternehmern geleitet.
Deshalb wünsche ich Ihrem Verband und seinen Mitgliedfirmen ein erfolgreiches
zweites halbes Jahrhundert!
19. Sep 2002
Eidgenössisches Finanzdepartement
EFD
Kontakt: info@gs-efd.admin.ch,
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