Glarus - 650 Jahre im Bund
07. Jun 2002 - Festansprache von Bundespräsident Kaspar Villiger
Es gilt das gesprochene Wort
I.
Ich darf dem Stand Glarus und dem Glarner Volk die besten Glückwünsche des Bundesrates zur 650-jährigen Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft überbringen. Auch aus eidgenössischer Sicht besteht Grund zur Dankbarkeit. Das Glarner Volk hat trotz der bescheidenen Grösse des Bergkantons viel zur Erfolgsgeschichte der Schweiz beigetragen.
Schon während meiner Studienzeit in Zürich schloss ich Freundschaft mit Glarnern. Meine Frau fand ich in Glarus. Ich fühle mich Ihrem Kanton verbunden. Es ist für mich deshalb eine besondere Freude, dass Sie meine Frau und mich zu Ihrer Feier eingeladen haben.
II.
In unserem Land verbinden sich harmonisch zwei im Grunde gegensätzliche Welten: Die eine Welt ist die der eigenständigen Traditionen, der besonderen politischen Kultur und der Verwurzelung in einer bewegten Geschichte der Emanzipation von den dominierenden europäischen Mächten. Die andere Welt ist die der wirtschaftlichen Weltoffenheit, der Bewältigung des rasanten Wandels auf einem sich vernetzenden Globus, der Teilnahme an der internationalen Zivilisation.
Glarus ist so etwas wie ein kleines Modell dieser Schweiz der verbundenen Gegensätze, ihr Konzentrat sozusagen. Schon im 18. Jahrhundert exportierten die Glarner Waren über Europa hinaus. Gleichzeitig endete hier der letzte Hexenprozess Mitteleuropas mit einer Hinrichtung. Während Glarus als erster schweizerischer Industriekanton mit dem ersten Fabrikgesetz und der ersten kantonalen Alters- und Hinterbliebenenversicherung modernes Unternehmertum und sozialen Fortschritt verband, blieb die Landsgemeinde bis heute Symbol des politisch Gewachsenen und Verwurzelten. Wirtschaftliches Teilhaben an der Globalisierung und Absage an die UNO wäre ein weiteres erwähnenswertes Gegensatzpaar, würde mir die gebotene Höflichkeit des Gastes diese Anspielung nicht verbieten. Immer wieder suchten Wirtschaftskrisen den Kanton heim, immer wieder strukturierte man unter Schmerzen um und rappelte sich wieder auf. Verwurzelung mit der Heimat und zielstrebiger, weltoffener Gewerbefleiss gehen hier eine glückliche Verbindung ein.
III.
Um 1200 waren viele unserer Alpentäler zwar besiedelt, aber die Menschen waren arm und lebten schlecht und recht von einer kargen Selbstversorgungswirtschaft. Es gab noch keinen Gotthardpass. Für die Fürsten, Könige und Kaiser waren die Talschaften uninteressant. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert entwickelten sich die Städte. Die Menschen in den Alpenregionen merkten, dass sie besser lebten, wenn sie den kargen Ackerbau aufgaben und mit Viehzucht die wachsende Nachfrage der Städte nach Fleisch, Käse, Butter und Häuten deckten. Das führte zu einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Umbruch. Die Arbeitsteilung schuf einen gewissen Wohlstand.
Die Viehzucht erlaubte es nicht mehr, nur auf die Familie zu bauen wie bei der ackerbaulichen Selbstversorgung. Es gab gemeinschaftliche Aufgaben zu lösen, gemeinschaftliche Bedürfnisse zu decken und gemeinschaftliche Finanzen zu verwalten. Eine Schicksalsgemeinschaft entstand in der Talschaft. Es galt, ihre Interessen nach aussen zu vertreten. Das brauchte Entscheidungs- und Ausführungsorgane und fand in der Talgenossenschaft den institutionellen Ausdruck. Oberste Instanz wurde die Versammlung der Männer. Es war die Urzelle der Landgemeinde. Wappen, Banner und Siegel drückten das wachsende Selbstbewusstsein aus.
Im ganzen Alpenraum bildeten sich solche Strukturen. Allerdings konnten sie sich praktisch nirgends halten. Für unsere Regionen wurde zum Segen, dass sie von den Mächtigen vergessen worden waren. Die genossenschaftlichen Strukturen vermochten sich zu festigen und die nötige Überlebenskraft zu entwickeln, bevor sie unter äusseren Druck gerieten.
IV.
Dieser Druck liess nicht auf sich warten. Die Öffnung der Schöllenen durch technologisch versierte Urner leitete die mittelalterlichen Handelsströme markant um. Die geostrategische Lage Europas veränderte sich. Der Gotthard riss zuerst die Waldstätte aus dem geschichtlichen Dornröschenschlaf. Wer den Gotthard kontrollierte, kontrollierte den transalpinen Verkehr und konnte Zölle erheben. Die Region wurde politisch attraktiv, auch für die Habsburger Dynastie. Rudolf von Habsburg versuchte, im Parallelogramm Jura, Alpen, Fribourg und Bodensee einen modernen Territorialstaat zu errichten. Die Gegenwart habsburgischer Statthalter wurde in den Waldstätten als lästige Einmischung empfunden. In der Unsicherheit nach dem Tod Rudolfs erneuerten die Urschweizer mit dem Bundesbrief einen alten Landfrieden. Dieser sogenannte Bund der Eidgenossen wollte in erster Linie die innere Ordnung aufrechterhalten und die äussere Sicherheit gewährleisten. Er sollte eine nachhaltige Wirkung entfalten.
1315 wollte Leopold, der Enkel Rudolfs, die Waldstätte endgültig zähmen. Er wurde am Morgarten von den Eidgenossen geschlagen. 1352, Ihr Landammann hat es gesagt, suchten die Glarner, mehr der Not als dem eigenen Triebe gehorchend, bei den Eidgenossen Schutz vor dem habsburgischen Druck. Sie wurden zuerst sozusagen zu Bündnispartnern zweiter Klasse. Der zweite Versuch der Österreicher, den Einfluss auf die Waldstätte endgültig zu sichern, scheiterte 1386 in Sempach. Sie versuchten es noch einmal, 1388. Eine kleine Schar fast verzweifelter Glarner Hirten schlug bei Näfels das glänzende österreichische Heer vernichtend. Es war die entscheidende Schlacht für das endgültige Überleben des Bundes. Die Glarner hatten sich den Respekt der Eidgenossen errungen. Chapeau! Es zeugt von der geschichtlichen Verwurzelung, dass Glarus noch heute dieser Schlacht gedenkt.
V.
Schon damals zeichneten sich die zwei Welten ab, welche unsere Mentalität noch heute charakterisieren. Wirtschaftlich ist die Gesellschaft innovativ, initiativ, dem Neuen aufgeschlossen. Aber allem, war ihr von aussen kulturell und politisch aufgedrängt wird, begegnet sie mit grösstem Misstrauen. Sie befürchtet, es gefährde das gesellschaftliche und politische Gleichgewicht, die Identität sozusagen. Diese Haltung, meine ich, prägt bis heute beispielsweise auch unsere Europadiskussion und macht sie so schwierig.
Man darf wohl davon ausgehen, dass die Verhaltensweisen der alpinen Talgenossenschaften noch heute in unserer politischen Kultur nachwirken. Das sich Kümmern aller um das genossenschaftliche Gemeinwesen ging sozusagen in Fleisch und Blut über. Nichts von Belang wird aus der Verantwortung aller entlassen, keine politische oder militärische Aufgabe wird an eine besondere Kaste delegiert.
Ihre Landsgemeinde ist nach wie vor schönster Ausdruck dieses Grundzugs unserer politischen Kultur. Die Verfassung von 1848 mit den Revisionen von 1874 und 1891 setzte im Grunde die alten genossenschaftlichen Prinzipien in eine moderne Staatsform um.
Das durchgehende Milizprinzip und die direkte Demokratie sind die institutionelle Umsetzung der allgemeinen Befassung mit dem Staat. Der Föderalismus mit der kantonalen Kompetenzvermutung verkörpert das Primat der kleinen politischen Einheit. Nach oben wird nur delegiert, was zur Bewältigung der jeweiligen Arglist der Zeit unbedingt nötig ist. Die Strukturen sind so, dass die Zentralmacht gebändigt bleibt. Machtbegrenzung charakterisiert das politische Leben.
Noch etwas lernten die Eidgenossen. Man darf die internen Spannungen und enormen Gegensätze - auch eine Konstante unserer Geschichte! - der damaligen Talschaften nicht unterschätzen. Blutige Familienfehden waren nicht selten. Deshalb legte der Bundesbrief mit der Schaffung von Schiedsgerichten ein Schlichtungsverfahren fest, das sich bewährte und sich zu einem der politischen Fundamente der zerbrechlichen Willensnation entwickelte, zur Kultur der tauglichen Kompromisse. Die Konkordanz, also die Einbindung der wichtigsten politischen und sprachlichen Kräfte in die Regierungsverantwortung zur Schaffung mehrheitsfähiger Kompromisse, ist so gut Ausfluss dieser Grundhaltung, wie etwa das Friedensabkommen der Sozialpartner, das sich für das Land so segensreich ausgewirkt hat.
Dass ein kleines Land ohne jede weltpolitische Bedeutung viele Jahrhunderte erfolgreich überlebte, und erst noch ein Land, das nicht über die Bindemittel der gemeinsamen Kultur, Sprache, Konfession und Herkunft verfügt, ist oft als Wunder empfunden worden. Das ist es wohl letztlich auch. Aber gewiss haben der nie erlahmende Wille zum selber Besorgen der eigenen politischen Geschäfte, zur Selbstbestimmung also, sowie die Kultur im Umgang mit Minderheiten und mit internen Differenzen, massgeblich dazu beigetragen. Direkte Demokratie, Föderalismus und Konkordanz verbanden sich zu einer politischen Kultur, welche nach wie vor die politische Basis der Willensnation ist. Unser politisches System des Einbezugs des Volkes und aller Stakeholder in die politische Willensbildung ist komplex. Aber niemand wird behaupten können, es produziere schlechtere Resultate als parlamentarische Demokratien.
VI.
Ich habe den Föderalismus als einen der tragenden Pfeiler unserer politischen Kultur erwähnt. Seine Basis sind möglichst autonome, selbstbewusste, leistungsfähige und leistungswillige Kantone. Verwischte Kompetenzen, intransparente Finanzströme und eine schleichende Zentralisierung haben den Föderalismus geschwächt. Die Kantone selber sind daran nicht unschuldig. Zu oft und zu gerne schieben sie die Lösung eigener Aufgaben an den Bund, zu oft verkaufen sie einen Teil ihrer Seele für ein Butterbrot an Subvention. Zugleich vermag der heutige Finanzausgleich seine Funktion des angemessenen Wohlstandsausgleiches nur ungenügend zu erfüllen. Dieser Föderalismus bedarf der Erneuerung. Mit dem grossen Projekt der Neugestaltung der Aufgabenteilung und des Finanzausgleichs wollen wir den Föderalismus transparent, leistungs- und zukunftsfähig erhalten. Es kann nur zum Erfolg geführt werden, wenn sich die Kantone überzeugend dahinter stellen und dafür kämpfen. Ich zähle auch auf den Stand Glarus. Viele Kantone haben eine grosse Vergangenheit wie der Kanton Glarus. Wir sollen ihnen auch eine würdige Zukunft zum Wohle des Volkes ermöglichen.
VII.
Geschichte ist wichtig. Wer wissen will, wohin er geht, muss wissen, woher er kommt. Glarus machte es dem Lande immer wieder vor: die Verbindung von Traditionsbewusstsein, Einbezug des Volkes in den politischen Entscheidungsprozess und Verwurzelung in der Heimat auf der einen Seite mit Weltoffenheit, Willen zur steten Erneuerung der Strukturen und Zukunftsglaube auf der anderen Seite wird auch die Schweiz zukunftsfähig erhalten. Direkte Demokratie, Föderalismus und gelebte Solidarität können auch künftig politische und soziale Stabilität sichern, immer natürlich in einer Form, die der Zeit angepasst ist. Der Wille und die Kraft, die Strukturen in Staat und Wirtschaft immer wieder, manchmal vielleicht auch unter Schmerzen, an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen, wird Land und Wirtschaft im verschärften globalen Wettbewerb alle Chancen offen lassen. Wenn wir diesen Willen und diesen Kraft haben, werden wir in einer Welt des Wandels bestehen können. Das können wir auch aus der Geschichte Ihres Kantons lernen, können Sie aus der Geschichte Ihres Kantons lernen. Ich wünsche Ihrem Stand und dem Glarner Volk eine prosperierende Zukunft. Auch die Eidgenossenschaft braucht die Glarnerinnen und Glarner!