Es gilt das gesprochene Wort
I.
Ich darf dem Stand Glarus und dem Glarner Volk die besten
Glückwünsche des Bundesrates zur 650-jährigen Zugehörigkeit zur
Eidgenossenschaft überbringen. Auch aus eidgenössischer Sicht besteht Grund
zur Dankbarkeit. Das Glarner Volk hat trotz der bescheidenen Grösse des
Bergkantons viel zur Erfolgsgeschichte der Schweiz beigetragen.
Schon während meiner Studienzeit in Zürich schloss ich
Freundschaft mit Glarnern. Meine Frau fand ich in Glarus. Ich fühle mich Ihrem
Kanton verbunden. Es ist für mich deshalb eine besondere Freude, dass Sie meine
Frau und mich zu Ihrer Feier eingeladen haben.
II.
In unserem Land verbinden sich harmonisch zwei im Grunde
gegensätzliche Welten: Die eine Welt ist die der eigenständigen Traditionen,
der besonderen politischen Kultur und der Verwurzelung in einer bewegten
Geschichte der Emanzipation von den dominierenden europäischen Mächten. Die
andere Welt ist die der wirtschaftlichen Weltoffenheit, der Bewältigung des
rasanten Wandels auf einem sich vernetzenden Globus, der Teilnahme an der
internationalen Zivilisation.
Glarus ist so etwas wie ein kleines Modell dieser Schweiz
der verbundenen Gegensätze, ihr Konzentrat sozusagen. Schon im 18. Jahrhundert
exportierten die Glarner Waren über Europa hinaus. Gleichzeitig endete hier der
letzte Hexenprozess Mitteleuropas mit einer Hinrichtung. Während Glarus als
erster schweizerischer Industriekanton mit dem ersten Fabrikgesetz und der
ersten kantonalen Alters- und Hinterbliebenenversicherung modernes
Unternehmertum und sozialen Fortschritt verband, blieb die Landsgemeinde bis
heute Symbol des politisch Gewachsenen und Verwurzelten. Wirtschaftliches
Teilhaben an der Globalisierung und Absage an die UNO wäre ein weiteres erwähnenswertes
Gegensatzpaar, würde mir die gebotene Höflichkeit des Gastes diese Anspielung
nicht verbieten. Immer wieder suchten Wirtschaftskrisen den Kanton heim, immer
wieder strukturierte man unter Schmerzen um und rappelte sich wieder auf.
Verwurzelung mit der Heimat und zielstrebiger, weltoffener Gewerbefleiss gehen
hier eine glückliche Verbindung ein.
III.
Um 1200 waren viele unserer Alpentäler zwar besiedelt,
aber die Menschen waren arm und lebten schlecht und recht von einer kargen
Selbstversorgungswirtschaft. Es gab noch keinen Gotthardpass. Für die Fürsten,
Könige und Kaiser waren die Talschaften uninteressant. Vom 11. bis zum 13.
Jahrhundert entwickelten sich die Städte. Die Menschen in den Alpenregionen
merkten, dass sie besser lebten, wenn sie den kargen Ackerbau aufgaben und mit
Viehzucht die wachsende Nachfrage der Städte nach Fleisch, Käse, Butter und Häuten
deckten. Das führte zu einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Umbruch. Die
Arbeitsteilung schuf einen gewissen Wohlstand.
Die Viehzucht erlaubte es nicht mehr, nur auf die Familie
zu bauen wie bei der ackerbaulichen Selbstversorgung. Es gab gemeinschaftliche
Aufgaben zu lösen, gemeinschaftliche Bedürfnisse zu decken und
gemeinschaftliche Finanzen zu verwalten. Eine Schicksalsgemeinschaft entstand in
der Talschaft. Es galt, ihre Interessen nach aussen zu vertreten. Das brauchte
Entscheidungs- und Ausführungsorgane und fand in der Talgenossenschaft den
institutionellen Ausdruck. Oberste Instanz wurde die Versammlung der Männer. Es
war die Urzelle der Landgemeinde. Wappen, Banner und Siegel drückten das
wachsende Selbstbewusstsein aus.
Im ganzen Alpenraum bildeten sich solche Strukturen.
Allerdings konnten sie sich praktisch nirgends halten. Für unsere Regionen
wurde zum Segen, dass sie von den Mächtigen vergessen worden waren. Die
genossenschaftlichen Strukturen vermochten sich zu festigen und die nötige Überlebenskraft
zu entwickeln, bevor sie unter äusseren Druck gerieten.
IV.
Dieser Druck liess nicht auf sich warten. Die Öffnung der
Schöllenen durch technologisch versierte Urner leitete die mittelalterlichen
Handelsströme markant um. Die geostrategische Lage Europas veränderte sich.
Der Gotthard riss zuerst die Waldstätte aus dem geschichtlichen Dornröschenschlaf.
Wer den Gotthard kontrollierte, kontrollierte den transalpinen Verkehr und
konnte Zölle erheben. Die Region wurde politisch attraktiv, auch für die
Habsburger Dynastie. Rudolf von Habsburg versuchte, im Parallelogramm Jura,
Alpen, Fribourg und Bodensee einen modernen Territorialstaat zu errichten. Die
Gegenwart habsburgischer Statthalter wurde in den Waldstätten als lästige
Einmischung empfunden. In der Unsicherheit nach dem Tod Rudolfs erneuerten die
Urschweizer mit dem Bundesbrief einen alten Landfrieden. Dieser sogenannte Bund
der Eidgenossen wollte in erster Linie die innere Ordnung aufrechterhalten und
die äussere Sicherheit gewährleisten. Er sollte eine nachhaltige Wirkung
entfalten.
1315 wollte Leopold, der Enkel Rudolfs, die Waldstätte
endgültig zähmen. Er wurde am Morgarten von den Eidgenossen geschlagen. 1352,
Ihr Landammann hat es gesagt, suchten die Glarner, mehr der Not als dem eigenen
Triebe gehorchend, bei den Eidgenossen Schutz vor dem habsburgischen Druck. Sie
wurden zuerst sozusagen zu Bündnispartnern zweiter Klasse. Der zweite Versuch
der Österreicher, den Einfluss auf die Waldstätte endgültig zu sichern,
scheiterte 1386 in Sempach. Sie versuchten es noch einmal, 1388. Eine kleine
Schar fast verzweifelter Glarner Hirten schlug bei Näfels das glänzende österreichische
Heer vernichtend. Es war die entscheidende Schlacht für das endgültige Überleben
des Bundes. Die Glarner hatten sich den Respekt der Eidgenossen errungen.
Chapeau! Es zeugt von der geschichtlichen Verwurzelung, dass Glarus noch heute
dieser Schlacht gedenkt.
V.
Schon damals zeichneten sich die zwei Welten ab, welche
unsere Mentalität noch heute charakterisieren. Wirtschaftlich ist die
Gesellschaft innovativ, initiativ, dem Neuen aufgeschlossen. Aber allem, war ihr
von aussen kulturell und politisch aufgedrängt wird, begegnet sie mit grösstem
Misstrauen. Sie befürchtet, es gefährde das gesellschaftliche und politische
Gleichgewicht, die Identität sozusagen. Diese Haltung, meine ich, prägt bis
heute beispielsweise auch unsere Europadiskussion und macht sie so schwierig.
Man darf wohl davon ausgehen, dass die Verhaltensweisen
der alpinen Talgenossenschaften noch heute in unserer politischen Kultur
nachwirken. Das sich Kümmern aller um das genossenschaftliche Gemeinwesen ging
sozusagen in Fleisch und Blut über. Nichts von Belang wird aus der
Verantwortung aller entlassen, keine politische oder militärische Aufgabe wird
an eine besondere Kaste delegiert.
Ihre Landsgemeinde ist nach wie vor schönster Ausdruck
dieses Grundzugs unserer politischen Kultur. Die Verfassung von 1848 mit den
Revisionen von 1874 und 1891 setzte im Grunde die alten genossenschaftlichen
Prinzipien in eine moderne Staatsform um.
Das durchgehende Milizprinzip und die direkte Demokratie
sind die institutionelle Umsetzung der allgemeinen Befassung mit dem Staat. Der
Föderalismus mit der kantonalen Kompetenzvermutung verkörpert das Primat der
kleinen politischen Einheit. Nach oben wird nur delegiert, was zur Bewältigung
der jeweiligen Arglist der Zeit unbedingt nötig ist. Die Strukturen sind so,
dass die Zentralmacht gebändigt bleibt. Machtbegrenzung charakterisiert das
politische Leben.
Noch etwas lernten die Eidgenossen. Man darf die internen
Spannungen und enormen Gegensätze - auch eine Konstante unserer Geschichte! -
der damaligen Talschaften nicht unterschätzen. Blutige Familienfehden waren
nicht selten. Deshalb legte der Bundesbrief mit der Schaffung von
Schiedsgerichten ein Schlichtungsverfahren fest, das sich bewährte und sich zu
einem der politischen Fundamente der zerbrechlichen Willensnation entwickelte,
zur Kultur der tauglichen Kompromisse. Die Konkordanz, also die Einbindung der
wichtigsten politischen und sprachlichen Kräfte in die Regierungsverantwortung
zur Schaffung mehrheitsfähiger Kompromisse, ist so gut Ausfluss dieser
Grundhaltung, wie etwa das Friedensabkommen der Sozialpartner, das sich für das
Land so segensreich ausgewirkt hat.
Dass ein kleines Land ohne jede weltpolitische Bedeutung
viele Jahrhunderte erfolgreich überlebte, und erst noch ein Land, das nicht über
die Bindemittel der gemeinsamen Kultur, Sprache, Konfession und Herkunft verfügt,
ist oft als Wunder empfunden worden. Das ist es wohl letztlich auch. Aber gewiss
haben der nie erlahmende Wille zum selber Besorgen der eigenen politischen Geschäfte,
zur Selbstbestimmung also, sowie die Kultur im Umgang mit Minderheiten und mit
internen Differenzen, massgeblich dazu beigetragen. Direkte Demokratie, Föderalismus
und Konkordanz verbanden sich zu einer politischen Kultur, welche nach wie vor
die politische Basis der Willensnation ist. Unser politisches System des
Einbezugs des Volkes und aller Stakeholder in die politische Willensbildung ist
komplex. Aber niemand wird behaupten können, es produziere schlechtere
Resultate als parlamentarische Demokratien.
VI.
Ich habe den Föderalismus als einen der tragenden Pfeiler
unserer politischen Kultur erwähnt. Seine Basis sind möglichst autonome,
selbstbewusste, leistungsfähige und leistungswillige Kantone. Verwischte
Kompetenzen, intransparente Finanzströme und eine schleichende Zentralisierung
haben den Föderalismus geschwächt. Die Kantone selber sind daran nicht
unschuldig. Zu oft und zu gerne schieben sie die Lösung eigener Aufgaben an den
Bund, zu oft verkaufen sie einen Teil ihrer Seele für ein Butterbrot an
Subvention. Zugleich vermag der heutige Finanzausgleich seine Funktion des
angemessenen Wohlstandsausgleiches nur ungenügend zu erfüllen. Dieser Föderalismus
bedarf der Erneuerung. Mit dem grossen Projekt der Neugestaltung der
Aufgabenteilung und des Finanzausgleichs wollen wir den Föderalismus
transparent, leistungs- und zukunftsfähig erhalten. Es kann nur zum Erfolg geführt
werden, wenn sich die Kantone überzeugend dahinter stellen und dafür kämpfen.
Ich zähle auch auf den Stand Glarus. Viele Kantone haben eine grosse
Vergangenheit wie der Kanton Glarus. Wir sollen ihnen auch eine würdige Zukunft
zum Wohle des Volkes ermöglichen.
VII.
Geschichte ist wichtig. Wer wissen will, wohin er geht,
muss wissen, woher er kommt. Glarus machte es dem Lande immer wieder vor: die
Verbindung von Traditionsbewusstsein, Einbezug des Volkes in den politischen
Entscheidungsprozess und Verwurzelung in der Heimat auf der einen Seite mit
Weltoffenheit, Willen zur steten Erneuerung der Strukturen und Zukunftsglaube
auf der anderen Seite wird auch die Schweiz zukunftsfähig erhalten. Direkte
Demokratie, Föderalismus und gelebte Solidarität können auch künftig
politische und soziale Stabilität sichern, immer natürlich in einer Form, die
der Zeit angepasst ist. Der Wille und die Kraft, die Strukturen in Staat und
Wirtschaft immer wieder, manchmal vielleicht auch unter Schmerzen, an die
aktuellen Gegebenheiten anzupassen, wird Land und Wirtschaft im verschärften
globalen Wettbewerb alle Chancen offen lassen. Wenn wir diesen Willen und diesen
Kraft haben, werden wir in einer Welt des Wandels bestehen können. Das können
wir auch aus der Geschichte Ihres Kantons lernen, können Sie aus der Geschichte
Ihres Kantons lernen. Ich wünsche Ihrem Stand und dem Glarner Volk eine
prosperierende Zukunft. Auch die Eidgenossenschaft braucht die Glarnerinnen und
Glarner!
07. Jun 2002