Menschenbild

 

Unsere moderne Demokratiekonzeption geht im Prinzip davon aus, dass die Bürgerinnen und Bürger mündig und autonom sind und dass sie deshalb im politischen Bereich gleichberechtigt und frei gemeinsam über ihre Angelegenheiten beraten und entscheiden können und sollen. Institutionell umgesetzt bedeutet dies in der heutigen Demokratie, dass bei solchen Entscheidungen jede Bürgerin und jeder Bürger genau eine Stimme hat und dass diese in einer freien und geheimen Wahl bzw. in einer Abstimmung unbeeinflusst von anderen abgeben dürfen.
Gebhard Kirchgässner, Lars P. Feld, Marcel R. Savioz. Die direkte Demokratie. Modern, erfolgreich, entwicklungs- und exportfähig, Franz Vahlen, 1999, S. 9
 
Die Demokratie gewährleistet nun meines Erachtens ein angemessenes Mindestmass an Entscheidungsmöglichkeit des Einzelnen auch in öffentlichen Dingen. Sie achtet den Menschen, sie glaubt an ihn und traut ihm die gebotene Einsicht in die wichtigsten Fragen des Staates zu. In der Demokratie ist das ganze stimmberechtigte Volk der Souverän. Die Gunst unserer Freiheit schliesst daher die hohe Aufgabe staatsbürgerlicher Schulung in sich.
Georg Thürer. Belagerung und Befestigung unserer Demokratie, 1937. In: Gemeinschaft im Staatsleben der Schweiz. Haupt-Verlag 1998, S. 69
 
 
Was der Idee der Eidgenossenschaft ihren Gehalt gibt, sind Ideen, Taten, Werke eigenständiger Persönlichkeiten, die ganz aus ureigenem Antrieb, aus moralischer Phantasie hervorgehen. Es sind individuelle Taten, die sozial fruchtbar werden. Dem Menschen wird zugemutet und zugetraut, dass er moralisch stark genug sei, um sich aus eigener Verantwortung sinnvoll in die Gemeinschaft hineinzustellen.
Wolfgang von Wartburg: Die europäische Dimension der Schweiz, Novalis Schaffhausen, 1996, S.78
 
 
Der eidgenössische Gedanke ist besonders eng mit der Gemeinschaftsidee verknüpft, sie stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung und Wirkung zueinander.
Oskar Bauhofer. Eidgenossenschaft. Selbstbehauptung und Bewährung, , Benziger, Einsiedeln, 1939. S. 56
 
 
Ich habe von den Schweizern eine bessere Meinung und halte sie für reif genug, dass man sie, wie andere Völker, über Zeitfragen aufklären darf. Politisch gehört bei uns jeder Bürger zum Souverän, militärisch gehört er zum Heer, finanziell trägt er die Lasten als Steuerzahler. Es gehört zum Thema „totalitäre Massnahmen“, wenn sich Gruppen von Menschen, selbst in der besten Absicht, anheischig machen, eine Lenkung der öffentlichen Meinung vorzunehmen, indem sie entscheiden, was man dem Schweizervolk sagen darf und was man verschweigen soll.
J. R. von Salis. Schwierige Schweiz, Orell-Füssli, Zürich, 1968, S. 192
 
 
Will einer etwas Grosses für die Allgemeinheit leisten, dann darf er nicht nur von anderen fordern. Weder Verfassungen noch Gesetze, noch Verordnungen, noch neue Regierungen erneuern ein Volk. Erneuert wird es nur durch die uneigennützige Arbeit eines jeden Einzelnen. Nichts darf ihm zu gering, nichts darf ihm zu klein, nichts zu schmutzig sein.
Hans Conrad Escher, nach Georg Thürer. Persönlichkeit und Volksgemeinschaft im eidgenössischen Bundesleben, 1949. In: Gemeinschaft im Staatsleben der Schweiz. Haupt-Verlag 1998, S. 156
 
Die sinnvollste Haltung gegenüber dem eigenen Land und Volk ist: das Reale zu sehen und zugleich das Ideal im Bewusstsein zu tragen, zu empfinden und zu verwirklichen zu suchen.
Wolfgang von Wartburg: Die europäische Dimension der Schweiz, Novalis Schaffhausen, 1996, S. 114