Direkte Demokratie, regionale
Versorgungssysteme
und die Selbstbestimmung der Bürger
Diethelm Raff,
Sehr
geehrte Damen und Herren
Vielen Dank für die freundliche Einladung zu einen Vortrag an der Bundesversammlung Ihrer Vereinigung. Es ist mir eine Freude, bei Ihnen als einer Vereinigung für ein freies und neutrales Land zu sprechen, weil ich mich mit Ihnen aus verschiedenen Gründen sehr verbunden fühle:
Sie bauen Ihre Organisation nach dem Prinzip des freien Zusammenschluss freier Bürger und Organisationen auf,
Sie plädieren für die Direkte Demokratie als Organisationsprinzip einer zukunftsgerichteten Gesellschaft, setzen sich also für die Selbstbestimmung der Bürger ein, gegen die Führung der Bürger durch Eliten und für die soziale Formung der gesellschaftlichen Organisationsstrukturen.
Sie setzen sich für die immerwährende Neutralität Ihrer staatlichen Verfassung ein. Was bedeutet, dass Sie andere souveräne Völker nicht bedrohen oder bekriegen wollen, auch nicht über Militärbündnisse wie die EU oder die NATO, dass Sie Konflikte zwischen anderen Ländern nicht mit militärischen oder anderen Drohungen oder mit Waffengewalt beeinflussen wollen, auch nicht unter dem verharmlosenden Titel von Friedenseinsätzen Krieg führen wollen. Stattdessen können Sie mit der immerwährenden Neutralität die Kräfte des Landes darauf richten, für den Frieden in der Welt zu wirken.
Sie
fordern eine regional, sozial und umweltgerecht ausgerichtete Wirtschaft, die dem
freien Zusammenschluss in der Direkten Demokratie entspricht und im
überblickbaren Rahmen möglichst viele reale Werte und Arbeitsplätze schafft.
Mit dem
Thema „Direkte Demokratie, regionale Versorgungssystem und die Selbstbestimmung
der Bürger“ will ich Ihnen heute vor allem einen Einblick in das Selbstverständnis
der Direkten Demokratie vom Bürger und vom Zusammenleben der Bürger geben, aus
dem heraus in den verschiedenen Kulturen, Gesellschaften und kleinen Einheiten
je eigene Organisationsformen entstehen können und sollen.
Was verstehen wir unter Direkter Demokratie?
Direkte
Demokratie ist die Selbstorganisation des menschlichen Zusammenlebens, die die
weitestgehende Selbstbestimmung der Bürger anstrebt. Man kann auch sagen, die
Direkte Demokratie ist diejenige Form der politischen Willensbildung, bei
welcher dem Volk selbst die letzte Entscheidung zusteht. Es ist ein System, das die Volkssouveränität,
die Selbstregierung der Bürger, nicht nur proklamiert, sondern systematisch verwirklicht.
Direkte
Demokratie ist – wie wir noch genauer sehen werden – nicht nur eine Fortentwicklung
des genossenschaftlichen, freiheitlichen Gedankens von selbstregierten
Gemeinschaften, sondern die bis jetzt am weitestgehenden formulierten und praktizierten
Umsetzung des Naturrechts, der aufgeklärten Vorstellung vom Wesen des Menschen
und ebenso der modernen katholischen Soziallehre, von Grundlagen also, die auch
zur Formulierung der allgemeinen Menschenrechte führten.
Die Bauern
in Oberösterreich forderten bei ihrem Aufstand 1626 „Wir wollen uns selbst
regieren wie die Schweizer“ und setzten dafür ihr Leben ein. Die Durchsetzung
dieser Forderung misslang in diesem Fall, weil die militärische Macht des bayrischen
Königs zu stark war. Wie wir aber wissen, führen solche Auseinandersetzungen
trotzdem dazu, dass der Gedanke lebendig bleibt, die Bürger seien befähigt,
sich zusammenzuschliessen und über sich selbst zu bestimmen. Dieser Gedanke
entspricht der Natur des Menschen und ist deshalb auch nicht neu in der
Geschichte. Im Gegenteil. Sogar Formen der Direkten Demokratie, nämlich
Versammlungen aller Bürger, die sich eigene Gesetze gaben und eigene Richter
wählten, gab es schon lange in verschiedenen Regionen Europas, zum Beispiel als jährliche
Volks- und Gerichtsversammlungen in nordischen Ländern, aber auch in
Tirol und in Vorarlberg.
Wir können
davon ausgehen, dass Formen der Selbstregierung nicht in der Schweiz erfunden
worden ist. Sie sind auch nicht auf die Schweiz beschränkt oder können gar nur
von Schweizern praktiziert werden – wie es mancherorts heisst, um Forderungen
nach einer anderen Organisation der Gesellschaft abzuwehren.
Die
Leistung der Schweizer besteht allerdings darin, dass sie ihre Freiheit und die
Selbstregierung in Graubünden oder in der Innerschweiz erhalten und ausbauen konnten,
dass sie diese zu einem einigermassen gleichwertigen Zusammenschluss von Stadt
und Land entwickelt haben und dass die praktizierte Selbstregierung in
Gemeinden und Kantonen das Wesen eines Bundesstaates geprägt hat – wozu es
grosser Auseinandersetzungen bedurfte.
Da die
Selbstregierung das Wesen des föderal genannten Gemeinwesens bestimmt, nennen
wir das ganze Gebilde „Direkte Demokratie“ als Eigennamen und gross
geschrieben. Es ist eine eigene Form der wirklichen Volksherrschaft, die auch
parlamentarische Anteile beinhaltet. Wir nennen sie deshalb aber nicht
„halbdirekte Demokratie“ – wie es oft geschieht –, weil damit der
Wesensunterschied zwischen „parlamentarischer Demokratie“ und „Direkter
Demokratie“ verwischt wird. Wir sehen es auch als falsch an, die Direkte
Demokratie mit dem Schweizerischen Bundesstaat 1848 beginnen zu lassen, wie
manche Demokratie-Theoretiker dies tun. Im Gegenteil sehen wir es so, dass
dieser Bundesstaat erst durch die gelebte Direkte Demokratie der Bürger in den
kleineren Einheiten zu einem direktdemokratischen Staatswesen geformt werden
musste. Die Direkte Demokratie konstituiert sich nicht einfach durch die
Einführung des Initiativ- und des Referendumsrechts auf Bundesebene, sondern durch
verschiedene Formen der Selbstorganisation auf verschiedenen Ebenen, wie wir sie
in der Schweiz finden und von denen selten geredet wird.
Die Direkte Demokratie ist keine durch
Volksrechte ergänzte parlamentarische Demokratie
Schon am
Anfang möchte ich also betonen, dass die Direkte Demokratie viel mehr ist als
die Ergänzung der parlamentarischen Demokratie mit plebiszitären Elementen der
Einflussnahme von Bürgern wie Volksabstimmungen. Denken wir nur daran, dass die
derzeitige französische monarchische Verfassung – mit dem Staatspräsidenten als
einer Art Monarch – 1962 mit einer Volksabstimmung über die Direktwahl des
Präsidenten legitimiert wurde. Oder dass sich die diktatorische islamistische
Republik Iran und ihr Führer Khomeini durch 2 Volksabstimmungen im Jahr 1979
bestätigen liessen. Oder dass die EU ihre neuen Mitglieder nach jahrelangen erzwungenen
Anpassungen an die EU und entsprechendem ökonomischem Niedergang über die
Mitgliedschaft und damit der Abschaffung der Volkssouveränität abstimmen lässt.
Trotz dieses Einwands kann selbstverständlich eine parlamentarische Demokratie
mit einem verbrieften Recht auf Volksabstimmungen nach freier Sammlung einer
nicht zu hohen Anzahl Unterschriften verbessert werden, ohne deshalb schon eine
Direkte Demokratie zu werden.
Direkte
Demokratie ist auch nicht die Herrschaft des Volkes. Über wen wollte das Volk
herrschen? Direkte Demokratie ist allein die Selbstbestimmung des Volkes.
Direkte Demokratie geht von einer ganz anderen Vorstellung vom Bürger aus als
die parlamentarische Demokratie. Wie sich das Volk selbst regiert, kann natürlich
ganz verschieden aussehen, weil eben das Volk selbst bestimmt, wie es sich
organisieren will. Geschichtlich gesehen ist die Schweiz das einzige Land, in
dem man das Prinzip der Volkssouveränität systematisch zu entwickeln versuchte.
Sie ist bis heute der einzige freie Zusammenschluss gleichberechtigter Bürger.
Die anderen Staaten Europas waren die längste Zeit Fürstenstaaten, Monarchien
oder Untertanenländer, die den Bürgern bis heute sehr wenig zutrauen, selbst
wenn sie sich Demokratie nennen. So lehnte zum Beispiel der bekannte
französische Staatsdenker für die parlamentarischen Demokratien, Charles
Montesquieu, die Selbstbestimmung der Bürger ab. Er misstraute dem sogenannt
niederen Volk, also der Mehrheit der Bürger. Seine Errungenschaft bestand in
der Forderung, dass die Elite die Macht aufteilen soll, indem Judikative,
Exekutive und Legislative, also die gesetzgebende, die richterliche und die
ausführende Gewalt, getrennt sein sollen. Bis heute gilt diese Forderung Montesquieus
als ein wichtiges Kennzeichen einer parlamentarischen Demokratie. Wie wir alle
wissen, hält das Gebilde EU nicht einmal dieser Anforderung an eine Aufteilung
der Macht unter den Eliten stand. Dort sind nämlich diese 3 Gewalten nicht
getrennt. Montesquieu bezeichnet solch ein System als Despotie,
Der Genfer
Jean Jacques Rousseau hingegen kannte Selbstbestimmungsrechte der Bürger aus
eigener Anschauung und wusste deshalb, dass die Bürger in der Lage sind, eigene
Entscheide zu fällen, die ihre Probleme lösen können. Deshalb forderte er schon
1750 gleiche Rechte für alle Bürger unter einem demokratischen Modell sozialer
Kontrolle. Er postulierte, dass der Mensch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung
hat. Zum Wohl aller, für das Gemeinwohl,
geht der Mensche als freier und mündiger Bürger freiwillig einen
Gesellschaftsvertrag ein und hält sich an Gesetze, wenn diese den Gemeinwillen
zum Ausdruck bringen und zum Wohl aller gemacht sind. Für eine solchen sozialen
Vertrag braucht es gemäss Rousseau ebenfalls Menschen, die in der Erziehung zur
Entfaltung ihrer natürlichen guten Seiten, ihrer Persönlichkeit, befähigt
werden.
1) Das Menschenbild in der Direkten Demokratie
Vertiefen
wir die einleitenden Gedanken zur Direkten Demokratie weiter und beginnen wir als
erstes im Anschluss an Rousseau mit dem Menschenbild, das der Direkten
Demokratie zugrunde liegt.
Die Direkte
Demokratie baut auf dem Bild auf, dass die Menschen von Natur aus frei geboren
und mit Würde und Vernunft ausgestattet sind und als soziale Wesen mit anderen
Menschen kooperieren, sich in andere hineinversetzen können und füreinander
einstehen. Die Natur des Menschen beinhaltet, dass der einzelne für sich und
andere Verantwortung übernehmen kann und will. Indem der einzelne sich betätigt
und dabei die Wirkungen auf andere miteinbeziehen kann, verwirklicht er immer
wieder von neuem seine soziale Natur. In dieser Form kann er auch am
weitestgehenden zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranreifen. In freien
Zusammenschlüssen, in denen der einzelne immer wieder zu einer eigenständigen
und möglichst praktizierten Stellungnahme zu anstehenden Problemen des Lebens
herausgefordert ist, stärkt sich die Persönlichkeit der einzelnen und ihre
Fähigkeiten als sozialen Wesen wieder von neuem. Das Zusammenleben wird dann am
besten gelöst, wenn die einzelnen Bürger eigenständige Persönlichkeiten sind, zu
den Kardinaltugenden erzogen werden und wurden, indem diese im Alltagsleben
praktiziert werden können und sollen: Mut, Weisheit aufgrund von
Lebenserfahrung (Klugheit), Bescheidenheit (Mässigung) und Gerechtigkeitssinn.
Wenn diese Tugenden im Volk wirksam sind, befähigt dies zur Selbstregierung.
Die Selbstregierung wiederum fördert und bildet diese Tugenden. Wir können auch
sagen, dass die Selbstregierung, die Direkte Demokratie, von der moralischen
und geistigen Reife seiner Bürger und der in die Verantwortung Gestellten abhängig
ist und gleichzeitig die Direkte Demokratie diese Reife ermöglicht und
hervorruft. Entscheidend ist deshalb auch die Bildungsfrage im umfassenden Sinn.
Es braucht einen hohen Grad an Urteilsfähigkeit, an Sachlichkeit, an
Gemeinschaftssinn, an praktizierter Toleranz und an mitmenschlicher Verbundenheit.
Eigenständige
Persönlichkeit und soziales Handeln
Die direkte Demokratie baut also auf der Idee auf, dass nur der in einer lebenskräftigen Gemeinschaft tätige Mensch die Möglichkeit hat, alle seine individuellen Kräfte zu einem vollen und runden Charakter auszubilden. Der Mensch verpflichtet sich gleichzeitig zu sozialem Handeln aus eigenem Gewissen und persönlicher Verantwortung. Darin besteht auch die Rechtfertigung der Freiheit, die nicht als eine Freiheit gesehen werden kann, auf Kosten anderer seinen Eigennutz zu verfolgen. In der Direkten Demokratie geht man von der Erfahrung aus, dass soziale Taten, Ideen und Werke von eigenständigen Persönlichkeiten aus eigenem Antrieb hervorgehen. Diese Fähigkeit zur Eigeninitiative verhindert die Degradierung zum korporierten Bürger, den verschiedene Staatsphilosophen als Ausgangspunkt von politischem Handeln ansehen. Der Einzelne, die einzelne Persönlichkeit wird dort nicht mehr als handelndes Subjekt wahrgenommen. Politische Akteure im modernen totalitären Staat sind die Spitzen organisierter Interessengruppen oder gewählter Staatsorgane, an deren Spitze die moderne Elite steht und die in Absprachegremien politische Entscheide fällen, sogenannte „soft laws“ (weiche Gesetze), die demokratisch nicht kontrolliert werden und juristisch nicht angefochten werden können.
Wir sehen jedoch die individuellen Ideen und Taten als Ausgangspunkt politisch nachhaltiger Entwicklung, für die der einzelne andere gewinnt. Sie werden sozial fruchtbar, wenn der Mensch sich gemeinschaftlich verbunden fühlt und aus eigener Erfahrung Vertrauen in seine Mitmenschen und in die ganze Gemeinschaft gefunden hat. Dann ist nämlich auch das Denken sozial ausgeformt. Dem Menschen in der Direkten Demokratie wird zugemutet und zugetraut, dass er moralisch stark genug ist, um sich aus eigener Verantwortung sinnvoll in die Gemeinschaft hineinzustellen. Es handelt sich um die Idee einer Gemeinschaft mündiger Menschen. Das ist keineswegs so gemeint, dass jeder einzelne im Moment diese Fähigkeit hat. Wir gehen aber davon aus, dass diese Fähigkeiten in einer Elite weniger vorhanden ist, wenn sich diese vom Volk abhebt und abheben will, dabei Macht ausüben will und deshalb viel eher die Sache zurückstellt, um weiterhin Macht ausüben zu können.
Schweiz –Gemeinschaftsbildende Selbstorganisation von Gleichen
In der Gründungssage der Schweiz wird diese Vorstellung umgesetzt: Aus eigener Verantwortung schliessen sich 3 Persönlichkeiten als Vertreter ganzer Gemeinschaften von Talgenossenschaften aus eigener Initiative zusammen. Mit dem Schwur oder Eid bringen sie zum Ausdruck, dass sie den Willen zur Selbstverantwortung aufbringen und die Gemeinschaft selbst gestalten wollen, ähnlich wie die Schwurgemeinschaften in den Städten mit ihrem Einstimmigkeitsprinzip. Sie bekräftigen, dass sie keine ordnende Hand von Fürsten oder von anderen brauchen, die behaupten, vom Himmel dazu auserkoren worden zu sein oder sonstige Bevorrechtigungen zu haben. Die Bundhand verpflichtet die Schwörenden gegenüber dem Mitmenschen, füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu helfen und zu schützen und Streitigkeiten selbst zu lösen, sich also nicht von den Mächtigen Schutz zu erhoffen, Herrschaft – in diesem Fall der Habsburger – anzuerkennen und sich aus diesem Grund unterzuordnen. In der Schweiz ist es gelungen diese gemeinschaftsbildende Selbstorganisation von Gleichen zum Staatsgedenken weiterzubilden. Deshalb heisst die Schweiz auch Eidgenossenschaft. Die Genossenschaft bringt zum Ausdruck, dass es sich hier um einen Zusammenhalt von Gleichen handelt, in dem jeder in gleicher Weise als Persönlichkeit für die gesamten Anliegen verantwortlich ist und dafür die individuelle Tat, die Initiative des einzelnen für das Gelingen notwendig ist, ganz unabhängig davon, welches Vermögen einer besitzt oder einbringt. Die Erfahrung der gelebten Gemeinschaft in genossenschaftlich organisierter Problembewältigung ermöglicht es, sich in vielerlei Hinsicht auf Treu und Glauben zu verlassen: die Treue zum gegebenen Wort und das Vertrauen zum anderen Menschen. Es braucht deshalb weniger oder keine Kontrollen, die aus dem Misstrauen geboren sind, der andere wolle nicht mitmachen oder sogar dagegen arbeiten. Nebenbei gesagt, beruht ja das heutige Qualitätsmanagement vorrangig auf diesem Misstrauen, der andere wolle oder könne nicht aus eigener Verantwortung seinen Platz nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen.
Die Figur des Tell zeigt auf, dass das einzelne Individuum
nicht gezwungen wird, in gleicher Art und Weise wie die anderen teilzunehmen.
Als eigenständige Figur, die keinen Gehorsam gegenüber anderen Menschen kennt,
schreitet er zur Tat, wenn es notwendig ist, der ganzen Gemeinschaft einen
Dienst zu erweisen und diese Gemeinschaft der Freien vor Unterdrückung zu
schützen.
Grösseres
Glück in der Direkten Demokratie
Wir meinen,
dass die Direkte Demokratie den Menschen ermöglicht, seine freie und soziale
Natur am weitestgehenden zu verwirklichen. Deshalb erleben die Bürger umso mehr
Glück, je weiter die Direkte Demokratie ausgebaut ist, wie verschiedene
Glücksforscher zum Beispiel bekannte Schweizer
Professor für Ökonom, Bruno S. Frey, dargelegt haben.
Abschliessend zur Frage des Menschenbildes in der Direkten Demokratie möchte ich Ihnen noch mitgeben: Wir halten nicht an der Direkten Demokratie fest und wollen sie weiter verfeinern, weil sie eine vollkommene Gesellschaft garantieren würde, sondern unter der Voraussetzung des mündigen Bürgers ist gar nichts anderes möglich. Direkte Demokratie ist die Form, in der sich die Mündigkeit des Bürgers zur Geltung bringt.
2) Selbstbestimmung und Selbstorganisation als Teil der menschlichen Natur
Wir gehen
darüber hinaus davon aus, dass die Selbstbestimmung und die Selbstorganisation
der Menschen am ehesten dazu führt, Probleme zum allgemeinen Wohl zu lösen. Da
dies Teil der menschlichen Natur ist, finden wir Formen davon in allen Kulturen.
In der Direkten Demokratie ist diese Selbstbestimmung und Selbstorganisation nur
am weitesten entwickelt. Betrachten
wir also, in welchen Bereichen die Selbstbestimmung und Selbstorganisation in verschiedenen Kulturen gelebt
wird. Daraus können wir ableiten, woher die Erfahrungen für Ausbildung der
Direkten Demokratie herkommen können, die notwendig sind, damit ein solches Gebilde
überhaupt gelebt oder entwickelt werden kann. So können wir auch dem Argument
entgegentreten, in der Schweiz alleine wäre das möglich. Andere Gesellschaften,
so auch Österreich, wären dazu nicht in der Lage. Wir betrachten zuerst die
Familie. Sie vermittelt in den verschiedenen Kulturen und innerhalb der
Kulturen verschiedene Erfahrungen und kann deshalb auch in unterschiedlichem
Ausmass Ansatzpunkt für die Entwicklung der Direkten Demokratie bieten. Danach
befassen wir uns mit den über die Familie hinausgehenden kleinen
Gemeinschaften und Vereinigungen, die zur gemeinsamen Lösung verschiedener
Aufgaben und Problemen oder zur Gemeinschaftsbildung aufgebaut worden sind und
aufgebaut werden. Sie sind für gelebte Direkte Demokratie konstituierend,
bildend und grundlegend. Auch sie sind auf der Welt sehr unterschiedlich
verbreitet und auch verschieden strukturiert. Zum dritten schauen wir uns die
Gemeinden unter dem Aspekt ihrer wichtigen Bedeutung für die Direkte Demokratie
an.
a) Die Familie und Sippe
Schauen wir
uns zuerst einmal einige Aspekte an, die eine Familie für ein freies und
eigenständiges Leben vermitteln kann.
In allen
Gesellschaften der Welt finden wir die Natur des Menschen in der Familie
verwirklicht – bei näherer Betrachtung allerdings in unterschiedlichem Mass.
Die Familie ist der erste Ort, in der ein Kind sich als soziales Wesen erleben
kann, in dem Vertrauen in den Mitmenschen entstehen kann, wenn die Eltern und
andere Verwandte dem Kind liebend die Tugenden vorleben und diese auch
einfordern.
Die
Familie kann der erste und manchmal der einzige Ort sein, in der sich die
Partner freiwillig zum besseren Leben zusammenschliessen.
Wenn die
Beziehung der Eltern zueinander funktioniert, dann ist die Familie auch ein
Ort, in der der Erwachsene erlebt, dass er sich mit einem oder mehreren anderen
abstimmen muss und kann, dabei Lösungen für anstehende Probleme findet und erlebt, dass dafür das verständnissuchende
Gespräch und die eigene, von niemandem verordnete Initiative besonders wichtig ist.
In der
Familie lernt jeder, dass er verantwortlich eine Gemeinschaft über lange Zeit
gestaltet und gestalten kann, in der er nicht einfach das eigene Bedürfnis
auslebt, sondern die Suche nach dem Gemeinsamen im Vordergrund steht. Wenn es
gelingt, führt das zu tragfähigen Beziehungen, die einem die Erfahrung von
Verlässlichkeit und Vertrautheit ermöglicht. Dann entwickelt der einzelne auch
wichtige emotionale Qualitäten für ein selbstbestimmtes Zusammenleben in einer
Direkten Demokratie wie Mitmenschlichkeit, Toleranz, Anteilnahme am
Mitmenschen, Verantwortungsgefühl, Selbstvertrauen, Zuversicht,
Eigenständigkeit, Mut und Freude am gleichwertigen Mittun.
Wenn es
gut geht, kann der einzelne in der Familie erleben, dass die schwierigsten
Situation zu lösen sind, obwohl eigene, zum Teil sehr wichtige Vorstellungen
von einem anderen nicht geteilt werden.
Je mehr
es gelingt, sich aufeinander abzustimmen, das Leben gegenseitig zur Freude des
anderen zu gestalten – aus eigener Initiative –,
um so mehr kann man Glück an und in der Gemeinschaft erleben.
In der
Familie übernimmt zumindest der Erwachsene Verantwortung auch für Schwächere, aus
einem sozialen Impuls heraus, der keinen materiellen Gewinn bringt, der nicht
bezahlt ist.
Jede und
jeder kann und soll erleben – auch das Kind –, dass es mit seinem konstruktiven
Beitrag eine Gemeinschaft mitgestalten kann. Daraus erwächst das Gefühl der
Bedeutung für andere – unabhängig vom Status, von der Bildung und von der
Selbstdarstellungsfähigkeit.
Diese
selbstbestimmte Organisation des eigenen Lebens führt zu Vertrauen in den
anderen Menschen, hinterlässt die Erfahrung, dass die freie Kooperation trotz
und mit allen Schwierigkeiten möglich ist und das Leben zur eigenen Freude
selbst gestaltbar.
Wenn die Familie mit anderen Familien, mit Nachbarn und Freunden verbunden ist, erlebt der Mensch darin, dass es nicht nur eine kleine, isolierte Gemeinschaft ist, in der er sich aufgehoben fühlen kann, sondern andere, nicht verwandte Menschen ebenso im Leben eine positive Rolle spielen können. Vor allem wenn die Familie einer Gesellschaft zugehörig ist, in der freie Zusammenschlüsse weitverbreitet sind, kann schon das Kind erleben, dass man auch für grössere Vereinigungen mitdenkt, mitfühlt und im Mitgestalten dieser Vereinigungen das Leben reichhaltiger für sich und die anderen wird.
Jeremias Gotthelf, einer der Volksaufklärer in der Schweiz, die moralisch und geistig den Menschen die Grundlage des selbstbestimmten, freien und gemeinschaftlichen Lebens darlegten, schrieb dazu den in der älteren Generation in der Schweiz gerne zitierten Satz: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“.
In der Familie beginnt zudem das Prinzip in der Direkten Demokratie: Das ganze Leben wird vom kleinen Kreis getragen: Die Familie, die Gemeinde, die Region, in der sich die Menschen kennen, wo sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, auf wen sie sich verlassen können, wo man erlebt, wer tätig die Gemeinschaft mitgestaltet und wer nicht, in einem Rahmen, in dem man miteinander reden kann, um Probleme zu erkennen, zu durchdenken, zu lösen. In diesem Prinzip liegt auch der konstruktive Gegenentwurf zur globalisierten Welt, die von Global Players (Globale Spieler) gesteuert werden soll, als da seien die als Räten auftretenden elitären Vertreter der zentral zusammengefassten Grosskonzerne, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Bauern, Religionen, Gemeinden und Städte, die Uno-Organisationen sowie undemokratische Grossgebilde aus Staaten wie die EU, die AU, die ASEAN ohne Einfluss der einzelnen Bürger.
Wir plädieren also dafür, das Zusammenleben auf unserer Erde
von den kleinen Gemeinschaften her zu betrachten, ausgehend von den Familien,
soweit und diese
b) Die kleinen selbstbestimmten Gemeinschaften
Kommen wir
nach der Familie zu einer zweiten Form der gegenseitigen Hilfe, der Kooperaion in überfamiliären
Zusammenschlüssen, die sich in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich
entwickelt haben. Überall haben sich Menschen zusammengeschlossen, um gemeinsam
anstehende Probleme besser zu lösen. Sie haben sich selbst und frei organisiert.
Im deutschen Mittelalter waren es Zusammenschlüsse verschiedener Familienbünde
als Schutz- und Trutzverbände. Denken wir heute bei uns an die freiwilligen
Feuerwehren, die Rotkreuzvereine, Samariterbünde, die landwirtschaftlichen
Genossenschaften, Wasser-, Wald- und Alpkooperativen, die Wohnbaugenossenschaften,
Arbeiterbildungsvereine, Volkshochschulen, Konsumgenossenschaften,
karitative Vereinigungen, Vereinigungen zur Förderung von Gesundheit und
Hauswirtschaftliche Kenntnisse, Selbsthilfegruppen verschiedenster Ausprägung,
berufliche Vereinigungen, Vereine zur Pflege der Kultur (Gesang, Musik, Tanz,
Theater) und Gesellschaften zur Erforschung und Pflege der Natur, auch
Versicherungen und Volksbanken respektive Sparkassen und Kreditgenossenschaften.
Die Menschen schliessen sich zusammen, aus eigenem Antrieb, aus eigener
Verantwortung, weil sie erfahren haben, dass sie die Probleme besser lösen
können. Wenn sie nicht daran gehindert werden, sich auch über die Familie
hinaus zusammenzuschliessen oder wenn man ihnen ihre Initiativen wegnimmt und
dem – totalitären – Staat unterordnet
wie in der Sowjetunion oder im Nationalsozialismus bzw. Faschismus. Wir Menschen schliessen uns umso
mehr zusammen, wenn wir sicher sind, dass solche Initiativen sinnvoll sind,
dass man sich auf den anderen verlassen kann und die anderen normalerweise
wohlgesonnen sind. Diese Zusammenschlüsse sind in Mitteleuropa insbesondere ab
dem 19. Jahrhundert wieder aufgekommen. Die Menschen haben erkannt und sind
durch aufgeklärte Schriften dazu ermuntert worden, dass sie selbst denken
können, sich selbst das Leben gestalten und in die Hand nehmen können und nicht
auf Autoritäten warten müssen. Sie brauchen dazu keine Fürsten, keine
Privilegierten, sie brauchen keine Auserwählten, sie brauchen keine
Staatsbürokratie, keine Behörden, keine Vordenker. Wer sich ein bisschen in der
Welt auskennt, weiss, dass solche Zusammenschlüsse nicht überall in der Welt
in gleichem Mass verwirklicht sind und deshalb auch vom Selbstbild der Menschen
abhängt, von ihrem Zutrauen in die eigenen Kräfte und ihr Vertrauen in ihre
Mitmenschen.
Gespräche
als gemeinschaftsbildende Grundlage eines funktionierenden Gemeinwesens
Solche
Vereinigungen führen dazu, dass die Menschen die Probleme möglichst einfach und
mit möglichst wenig Aufwand lösen. Voraussetzung dafür ist das Gespräch. Nur im
Gespräch können die Probleme gelöst werden, Gleichzeitig führt die Selbstorganisation
dazu, dass sich die Gespräche zwischen den Menschen und das Denken auf die
wichtigen Dinge des gemeinschaftlichen Lebens beziehen. Gespräch sind zudem notwendig, um zu erfahren, was der
andere denkt. Nur so kann man einen Konsens finden. Konstruktive und
lösungsorientierte Gespräche verbinden die Menschen, beheimaten sie unter den
anderen, wecken das Interesse am anderen und seinen Motiven, weil im freien Zusammenleben
eine Lösung für das allgemeine Wohl gesucht wird, es nicht genügt, Probleme zu
konstatieren und zu bedauern oder gar zu bejammern.
Neben dem
Gespräch braucht es darüber hinaus den Antrieb, eine gute Lösung umzusetzen,
wozu auch gehört, einander zu gewinnen und darüberhinaus tätig zu werden – aus
freien Stücken zugunsten einer gemeinsamen Sache.
Freie
Vereinigungen als naturrechtlicher Ausgangspunkt für die Direkte Demokratie
Da es
solche Vereinigungen in allen Ländern und besonders in ganz Europa gebildet
worden sind, besteht eine gute Grundlage für die Verwirklichung der Direkten
Demokratie – einen Erfahrungsschatz vieler Bürger, der zur Überzeugung führen
kann, dass sie ihre Probleme auch im grösseren Rahmen tatsächlich selbst lösen
können. Ohne solche gelebte Verwirklichung der Selbstorganisation kann die
Direkte Demokratie kaum eingeführt werden, weil sonst jeder auf den Herrn, den
Anweiser, den Experten wartet, den König, den Staatspräsidenten, den
Regierungschef, den Präsidenten der Gemeinde, den Bürgermeister, den Schah, den
Kaiser oder deren Abgesandte bzw. deren Befehlsempfänger.
In der Direkten Demokratie geht man zuerst einmal davon aus, dass die Menschen möglichst viele Probleme in eigener Verantwortung lösen und es sinnvoll ist, möglichst viele solcher Zusammenschlüsse zu haben, denn darin verwirklicht sich die Natur des Menschen. Dabei bestimmen die Menschen selbst über sich in Kooperation mit anderen, wenden sich der Lösung einzelner Probleme zu. In solchen Formen sind auch viele dazu angeregt, Verantwortung zu übernehmen und sich darin zu üben, mit anderen zusammen, das allgemein Wohl zu verwirklichen. Diese Bildungsstätten des verantwortungsbewussten Bürgers sind für den einzelnen gefühlsmässige Grundlagen für die innere Sicherheit, dass die Bürger selbst Lösungen finden können, die für ihre Probleme angemessen sind. Je mehr solche Vereinigungen von sogenannten Professionellen und Experten übernommen oder ersetzt werden, um so ärmer wird eine Gesellschaft an solchen Erfahrungen und damit fremdbestimmt, selbst wenn die Verwaltung der Bürger effizienter werden sollte.
Zur Direkten Demokratie gehört also auch, dass viele Aufgaben nicht einfach in der Hand der kleinsten Verwaltungseinheit in einem Staat, also den Gemeinden sein sollen. Im Gegenteil ist es besser, wenn auch in der Gemeinde so wenig wie möglich gelöst werden muss. Zum einen aus Sicht der Selbstbestimmung der Bürger und ebenso aus der Sicht, dass die Verantwortung auf möglichst vielen Schultern verteilt ist und damit auch die Möglichkeit zur Machtausübung über andere möglichst gering ist.
Darüberhinaus
sind diese Vereinigungen eine fortwährende Bürgerschulung, Wiederholungskurse
in Demokratie, indem die Versammlungen, die Diskussionen, die
Beschlussfassungen über die Aufgaben und Ausgaben nach demokratischen
Prinzipien vor sich gehen und für jeden erkennbar wird, was zum Wohl und was
zum Nachteil des Ganzen entschieden worden ist.
Freie
Zusammenschlüsse als angemessenstes Lösungsmodell
So kann die
Wasserversorgung oder die Energieversorgung einer Gemeinde auch von einer
Kooperative oder Genossenschaft gewährleistet sein, die im Sinn des Gemeinwohls
arbeitet, ebenso Alterswohnungen, Altersheime, sozialer Wohnungsbau, auch
Strassenkorporationen, ebenso Kindergärten oder Ganztagsbetreuung von Kindern,
auch Kinderheime, dazu Beratungsstellen unterschiedlicher Art. Die Vielfalt von
Organisationen ermöglicht verschiedene und angepasste Lösungen und verhindert
darüber hinaus, dass von einigen „Experten“ durchgesetzte Fehlentscheide
flächendeckend wirken und den Entscheidungsträgern störende Machtgefühle
hervorrufen. So hat zum Beispiel in
unserer Gemeinde der frühere Gemeindepräsident sehr gerne mitgeholfen, solche
Genossenschaften zu gründen, weil er wusste, dass diese sich einer Sache
annehmen und am ehesten die beste Lösung finden.
Das
Freiwilligenprinzip als Teil der Gemeinschaftlichkeit
Selbstverständlich
vermeidet jede solche Vereinigung eine grosse Bürokratie. Sie arbeitet im
Normalfall nach dem Freiwilligenprinzip, will gar keine Professionalisierung im
Sinne von Angestellten. In der Schweiz nennt man dieses
Problembewältigungsstrategie das Milizsystem, also die freiwillige Übernahme
von Verantwortung für die Allgemeinheit als selbstverständlicher Teil des
Lebens. Dieses Milizprinzip geht bis zu
den Bundesparlamentariern geht, die keinen Lohn erhalten, wohl aber
Sitzungsgelder, sondern in ihrem angestammten Beruf bleiben und für 4 Sessionen
zu 3 Wochen pro Jahr die Anliegen des Volkes vertreten sollen. Ein solches
Vorgehen ist nur möglich, wenn die Entscheidungen weitestgehend dezentralisiert
sind. Sonst erhält die Verwaltung zu viel Einfluss. In den Kantonen, auch im
über eine Million Bürger umfassenden Kanton Zürich, treffen sich die
Kantonsräte einmal pro Woche gegen Abend, um die anstehenden Angelegenheiten zu
besprechen. Nebenbei gesagt führt diese Dezentralisierung von Entscheidungen
auf möglichst viele Schultern dazu, dass die gesellschaftliche Organisation
billiger ist. In allen Ländern stellen wir eine ständig grössere Schuldenlast
fest, die dazu führt, dass die Bürger mit den Steuern und Abgaben wie im
Mittelalter die Zinsen der Banken und deren Gewinne finanzieren. Da der Gedanke
der Selbstorganisation mit dem Milizprinzip kaum diskutiert wird, findet die
Debatte zwischen Vertretern der Privatisierung staatlicher Aufgaben und
Vertretern des zentralen Verwaltungsstaates statt. Im Unterschied zur heute
weitverbreiteten Forderung nach Privatisierung zum Beispiel der Grundversorgung
sind in einer Genossenschaft als eine Form der Selbsthilfe, der
Selbstverantwortung und der Selbstverwaltung ganz andere Fähigkeiten gefordert
als in der globalisierten Privatwirtschaft, in der für die Besitzer oder die
Manager von Aktiengesellschaften möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften ist.
Die genossenschaftliche Tradition hat dazu geführt, dass in der Schweiz weniger als sonstwo privilegierte Stände gebildet worden sind, welchen die Besorgung öffentlicher Aufgaben übergeben worden ist wie Politikern, Militärs oder sogenannt Gebildeten. In der Genossenschaft tragen alle die Verantwortung für alles. Diese Idee setzte sich im Konkordanzsystem, in der Kollegialität der Behörden, im fortbestehenden Föderalismus fort.
Wir meinen deshalb,
dass die Selbstorganisation und Dezentralisierung mitsamt den selbstbestimmten
kleinen Organisationen ein viel fruchtbarerer Ansatz für die Lösung von
anstehenden Problemen darstellt. Diese Art von Problemlösung ist jedoch bis
jetzt in der wissenschaftlichen Theorie nur ganz rudimentär zu finden.
Der Aufbau
irgendeines freien Zusammenschlusses zur Verbesserung des Allgemeinwohls ist
ein Beitrag zum Aufbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten, von Gefühlshaltungen
und Werten, die Teil der Direkten Demokratie sind und diese ermöglichen.
c) Die Gemeinde
Kommen wir
zu den Gemeinden, die sich ursprünglich aus den Markgenossenschaften als
Körperschaft derjenigen Personen gebildet haben, die in einem bestimmten Gebiet
wohnen und die den grösseren Teil der Fläche als Allgemeingut (Allmeind) den
Bewohnern zur Nutzung überliessen. Die gemeinsame Nutzung von Wald und Weide,
die Anlagen von Wegen, von Brunnen, von Schutzbauten vor Wildwasser und Lawinen
mussten besprochen und entschieden, die Beschlüsse überwacht werden und die Gerichtsgemeinden
mussten Streitfälle regeln.
Im Sinne
des direktdemokratischen Föderalismus sollen heute die Gemeindebürger von allen
anstehenden Problemen, die der einzelne, die Familien und Sippen sowie die
freien Vereinigungen nicht lösen können, möglichst viel bestimmen können. Auch
in den Gemeinden gelten die Prinzipien, die wir schon erarbeitet haben. Das
Volk soll die Volkssouveränität leben können, die Verantwortung soll auf
möglichst vielen Schultern aufgeteilt werden, möglichst jeder einzelne übernimmt
Aufgaben für die Allgemeinheit, diese Aufgaben sind freiwillig.
Kleine
Gemeinden als Schulung für die Selbstorganisation zugunsten des Allgemeinwohls
Um dies bestmöglich zu erreichen, ist es wichtig, dass die Gemeinden klein sind. In der Schweiz sind etwa die Hälfte der 2700 Gemeinden bei 7,5 Millionen Einwohnern kleiner als 500 Einwohner. Dort kennt man sich, man kann diejenigen als Verantwortungsträger auswählen, die tatsächlich konstruktive Lösungen anstreben, man kann miteinander reden und sich an verschiedenen Orten auf Probleme aufmerksam machen, man erkennt, wer in der Lage ist, für das allgemeine Wohl zu arbeiten und man lernt dort, dass man für die anderen von Bedeutung ist, wenn man konstruktiv mitarbeitet. Die (kleine) Gemeinde ist die beste Schulung in Direkter Demokratie für jeden Bürger. Hier kann er normalerweise mitdenken, kann auch Entscheidungen und ihre Auswirkungen überprüfen, kann erfahren, wie man eine Gemeinde organisier, was alles dazu gehört. Die kleinen Gemeinden ermöglichen es, dass viele Probleme im direkten Gespräch unter Bekannten oder Freunden gelöst werden können, manche Aufgabe gar nicht erst zur Sprache gebracht wird und ein grösserer Teil der Bürokratie entfällt. Zudem können die ehrenamtlich tätigen, gewählten Vertreter in der Gemeindeexekutive schon aus Zeitgründen gar nicht alle Verordnungen aus der Verwaltung oder den Parlamenten andere Körperschaften wie Kanton oder Eidgenossenschaft ausführen, wenn diese zu aufwendig, zu viel oder zu wenig mit den Gemeinden abgesprochen sind. Wenn aber viele Beschlüsse gar nicht ausgeführt werden (können), kann diese Tatsache die Verwaltungen von Bund und Kanton daran hindern, den Gemeinden zu viel aufbürden zu wollen. Das bremst die Bürokratie in einem Staatswesen. Selbstverständlich ergibt sich daraus den Versuch der Zentralisten auch in der Schweiz, die Gemeinden vergrössern zu wollen, die dann entsprechend viel Personal einstellen soll, die die Vorgaben ausführen und durchsetzen kann.
Eine
kleine Gemeinde alleine ist aber noch kein Garant einer Direkten Demokratie.
Frankreich zum Beispiel hat sehr kleine Gemeinden, aber diese sind im
zentralistisch monarchischen Staat lediglich Verwaltungseinheiten wie in der
früheren DDR. Zur Direkten Demokratie gehört, dass in den Gemeinden Gemeindeversammlungen
stattfinden, in der Schweiz sogar bis hin zu Städten wie zum Beispiel Wetzikon
und Rapperswil-Jona mit über 20 000 Einwohnern. Diese besitzen dann kein
Parlament. Gemeindeversammlung heisst, dass die Bürger zu einer Versammlung zusammenkommen,
nicht etwa um nur Informationen zu erhalten und zu diskutieren, sondern als
Souverän abschliessend über die wichtigsten Dinge im Dorf möglichst im Sinne
des Allgemeinwohls zu beschliessen. Solche Versammlungen finden – je nachdem,
wie stark die Direkte Demokratie ausgebildet ist und welche Sachfragen anstehen
–, ein bis vier Mal jährlich statt.
Da jeder
Bürger zu allen Entscheidungen gefragt ist, ist das wie eine ständige
Selbsterziehung zum Denken für das Allgemeinwohl. An diesen Versammlungen wird
zum Beispiel diskutiert, ob eine Strasse im Dorf saniert werden soll und wie
viel es kosten muss, auch über die Frage, ob ein Bach durch breitere Rohre
gelegt werden muss und was das für Auswirkungen auf die Bewohner von Häusern
weiter unten hat, soll Land der Gemeinde verkauft werden oder nicht? Braucht es
so viele Gemeindangestellten und wofür? Muss eine Turnhalle in welcher Grösse
gebaut werden? Reicht das Geld dann noch für ein Altersheim. Soll man das
Bauamt lieber mit anderen Gemeinden zusammen führen? Braucht es einen neuen
Kindergarten? Warum brauchte es letztes Jahr so viel Geld für ausfallende
Stunden der Kindergärtnerin? Wie kann man die Wasserqualität verbessern? Ist
ein Flachdach auf dem Gemeindehaus durch ein schräges teureres zu ersetzen, das
dann Jahrzehnte länger hält? Braucht die
Feuerwehr ein neues Gerät? Findet sich jemand, der mit andern zusammen einen
Kinderspielplatz baut, so dass es für die Gemeinde bezahlbar ist?
Jeder
Bürger, jede Bürgerin erhält damit einen Einblick in alle Fragen, die in einer
Gemeinde anstehen, ist ständig gefragt mitzudenken, seinen Sachverstand
einzubringen und zu einem eigenen Urteil zu kommen, so dass gute Lösungen
gefunden werden. Dieses Urteil soll er in der abschliessenden Abstimmung zum
Ausdruck bringen. Die Beantwortung jeder Frage ist auch damit verbunden, wie
viele Steuern jede und jeder später zu bezahlen hat.
Die
Bürgerversammlungen und die dortigen Abstimmungen sind allerdings nur das Ende
der Diskussion. Die Probleme stehen ja länger an und die anstehenden Probleme
und Entscheidungen werden auch rechtzeitig angekündigt. Wer das Problem gut
erfassen will, erkundigt sich bei anderen und bezieht deren Argumente ein. Man überlegt
sich vorher, was man aufgrund dieser verschiedenen Überlegungen an einer
Versammlung einbringen will. Diese Versammlungen und die vorherigen Gespräche stellen
die freie Bildung des Volkswillens dar und sind mit der entsprechenden Würde zu
führen.
Selbstgesetzte
Steuern und Abgaben als wichtiger Ausdruck der Selbstbestimmung
Wie erwähnt bestimmen die Gemeindebürger die
Steuerhöhe in ihrer Gemeinde jedes Jahr selbst. Deshalb können auch
Nachbargemeinden sehr unterschiedliche Steuersätze aufweisen, je nachdem, was
die Bürger für ihr Zusammenleben als wichtig erachten, wie sie sich selbst
organisieren, wieviel Aufgaben die Bürger in Eigeninitiative übernehmen und
wieviel die Bürger in der Gemeinde verdienen. Wenn also eine Gemeinde für eine
Turnhalle viel Geld ausgibt, dann wird der einzelne in den nächsten Jahren
vielleicht 10% mehr Steuern bezahlen. Er weiss dann allerdings auch, wofür das
Geld verwendet wird. Durch die Abstimmungen werden normalerweise keine
unnötigen Ausgaben getätigt. Die eigene Entscheidung für die Steuern führt
dazu, dass die Steuern in der Schweiz geringer sind, die Schulden der Gemeinden
ebenfalls und es weniger Steuerhinterziehung gibt als in anderen Ländern.
Das
Steuerwesen liegt ganz in der Hand der Gemeinden. Sie ziehen die Gemeinde und
Kantonssteuern ein und geben das Geld an den Kanton weiter. Die direkten
Bundessteuern orientieren
sich an den Gemeinde- und Kantonssteuern. Die Gemeinden melden dem Bund, was er
von den Bürgern verlangen kann. Die Gemeinden erhalten neben ihren eigenen
Einnahmen, die ungefähr 30% ausmachen auch noch Gelder von Bund und Kantonen
zur Erfüllung der zugewiesenen Aufgaben.
Die
Bedeutung der Schweizer Gemeinde zeigt sich auch daran, dass der Schweizer
zuerst Bürger einer Gemeinde ist, also einer Gemeinde zugehörig ist und damit
erst auch Staatsbürger. Bis vor kurzem waren deshalb diese Unterlagen in der
Hand der gemeinden. Deshalb werden auch Ausländer in der Schweiz nicht im Bundesstaat eingebürgert, dieser und
auch der Kanton stimmen nur zu. Eingebürgert wird in der Gemeinde zumeist an
der Gemeindeversammlung. Der Gedanke ist, dass der Ausländer wie der Schweizer
in der Gemeinde zeigt, inwieweit er sich als Mitbürger fühlt, der sich für das
Ganze, das Allgemeine interessiert und engagiert. Man kann im der Gemeinde
sehen, wer wirklich praktizierend an der Gemeinschaftsbildung teilnimmt und
damit Verantwortung übernehmen will.
Für die
Erfüllung der Aufgaben, die die in der Schweiz autonomen Gemeinden auszuführen
haben, werden Gemeinderäte gewählt, die normalerweise ehrenamtlich tätig sind.
Sie sind nicht nur dazu da, Beschlüsse zu fassen, sondern kümmern sich zum
Beispiel um Sozialfälle, um die Jugend, um die alten Menschen, um das Bauwesen,
um die Finanzen. Sie werden durch einen bezahlten Gemeindeschreiber
unterstützt, der dazu da ist, den Ehrenamtlichen zur Seite zu stehen, wenn
diese die formalen Abläufe nicht gut kennen. Je nach Grösse besteht
selbstverständlich zusätzlich eine Verwaltung.
Eigenständige
Schulgemeinden
Die
Bürger in den Gemeinden bestimmen auch über die
Volksschule. In der Direkten Demokratie ist die Schule von grösster
Bedeutung für die Hinführung der eigenen Kinder in der Gemeinde zu vollwertigen
Bürgern, die in der Lage und willens sind, sich um das Allgemeine zu kümmern.
Dazu gehört Wissen und Fähigkeiten, aber auch Grundhaltungen und
Persönlichkeiten, die miteinander kooperieren können, die sich kennen und
füreinander denken. Weil die Schule so bedeutsam ist und viel Sorgfalt auf die
gute Einführung der Kinder in die Gemeinschaft verwendet werden soll wird in
den meisten Gemeinden eine eigene Schulgemeinde aus allen Bürgern gebildet, in
der wiederum der Souverän bestimmt. Normalerweise gibt es deshalb auch Schulbürgerversammlungen
mit abschliessenden Abstimmungen oder Urnenabstimmungen. In den Versammlungen
wird über die Lehreranstellung, über Schulbauten und Umbauten sowie über alle
finanziellen Angelegenheiten gesprochen und entschieden, ebenso über die
Probleme der Schule. Es wird ein Schulpräsident und Schulräte gewählt, die die
Lehrer in ihren Stunden besuchen können und sie daraufhin kontrollieren, ob
sie den Willen der Bürger ausführen. Die Schulräte stellen auch die eigenen
Lehrer an. Diese werden – meist auf Zeit – gewählt, nachdem sie sich bei den Schulgemeinden
selbst beworben haben.
Es ist
kein Wunder, dass Johann Heinrich Pestalozzi in der Schweiz die Volksschule,
die gleiche Schule für alle, eingefordert hat. Die Einschulung aller Schüler in
die gleichen Klassen gibt die Grundlage dafür, dass sich die Menschen von
Anfang an kennen, auch wenn sie unterschiedlicher Herkunft sind, sich damit
besser verstehen und miteinander den Alltag schon als Kinder gestalten. Dies
spricht gegen die privaten Eliteschulen, wie sie heute zum Teil schon in der
Primarschule gefordert werden und wie sie in den alten Kolonialländern England
und Frankreich oder im neuen Kolonialland USA üblich sind. In der Direkten
Demokratie besteht ein Interesse daran, dass die Bürger alle gut geschult sind,
damit sie in der Lage sind, alle Dinge zu verstehen und mitdenken zu können. Es
braucht hier nicht einfach so viel Wissen, damit man die Maschinen und
Computerprogramme als Arbeiter und Angestellte bedienen kann oder die
Werbebroschüren für die Konsumgüter zu lesen in der Lage ist. Der Mensch ist
als freier, selbstbestimmter Bürger gefragt. Im übrigen war es bis vor kurzem
in den meisten Kantonen üblich, dass sich die Lehrerschaft selbst organisiert
hat. Es gab keinen Direktor, der als Chef den anderen Lehrern vorsteht, sie
beurteilt und ihnen die Direktiven der übergeordneten Behörden überstülpt. Man
ging davon aus, dass der Lehrer aus eigener Verantwortung unter der Kontrolle
der Bürger seine Aufgaben erledigt. Die Lehrer organisierten sich selbst,
jeder übernahm im Turnus Aufgaben. Unter dem Titel geleitete und autonome
Schule wurde unter dem Einfluss privater Bildungskonzerne und den Wünschen von
GATS auch die schweizerische Volksschule für die Privatisierung vorbereitet, im
übrigen von linken und rechten Parteien eingefordert. Die Selbstorganisation
wurde zugunsten von klaren Befehlsstrukturen im Rahmen des New Public
Management /(NPM) aufgegeben – man nennt das heute klare „Aufgabenverteilung
zur Verbesserung der Effizienz“ sowie „Entlastung der Lehrer zugunsten ihrer
eigentlichen Kernkompetenzen“.
Eigenstsändige
Kirchgemeinden
Darüberhinaus gibt es überall die Kirchgemeinden. Auch in der Kirche entscheiden die Bürger in regelmässigen Kirchgemeindeversammlungen über die Anstellung des Pfarrers oder Priesters, über die Ausgaben und über die Ziele in der Gemeinde, über die Kirchenrenovation oder andere notwendigen Gebäude, ebenso über die Kirchensteuerhöhe. Es kann auch zur Sprache kommen, wie der Religionsunterricht geführt ist oder warum der Pfarrer mit der Sekretärin im Streit liegt.
Direktedemokratische
Rechte
In allen Gemeinden
gibt es üblicherweise trotz Gemeindeversammlungen die Möglichkeit, ein Geschäft an die Urne zu
verweisen, also brieflich oder persönlich seine Entscheidung geheim
mitzuteilen, so dass der Bürger bei heiklen Angelegenheiten nicht dem
moralischen Druck im Dorf ausgeliefert ist. Ebenso gibt es auch hier die
Möglichkeit, mit einer Unterschriftensammlung eine Abstimmung über ein Thema
zu verlangen (eine sogenannten Initiative) oder aber mit einer
Unterschriftensammlung einen Beschluss der Behörde in Frage zu stellen
(Referendum). Diese Sammlung ist frei. Es muss keiner auf die Gemeinde gehen
und dort unterschreiben. Die Unterschriften werden lediglich bei der Gemeinde daraufhin
überprüft, ob die Unterschreibenden tatsächlich in der Gemeinde wohnen und ob
sie ein oder mehrmals unterschrieben haben. Es handelt sich hierbei nicht um eine
untertänigste Anfrage eines Teils des Volkes an die Behörden oder an das
Parlament, ob diese so wohlwollend sein könnten, dass sie sich nicht mit einem
Thema des Volkes befassen könnten – wie es in Österreich auf Bundesebene der
Fall ist. Es handelt sich hingegen um eine Möglichkeit des Volkes, die eigene
verbriefte Souveränität auszuüben. Der Text der Initiative wird einzig schon
vorher daraufhin überprüft, ob sie sich an die Einheit der Materie hält, also
dass man bei der Abstimmung nicht gleichzeitig verschiedene Sachfragen
beantworten muss. Eine Abstimmung muss innerhalb bestimmter Fristen auf jeden
Fall stattfinden, wenn genügend Unterschriften vorhanden sind. Das bedeutet,
dass die Bürger zwar Gemeinderäte wählen. Aber in der einzelnen Sache durchaus
anderer Meinung sind. Es ist gegen den Gedanken der Direkten Demokratie, wenn
die gewählten Vertreter den Bürger auffordern, ihnen ohne Argumente einfach zu
vertrauen. Vertrauen entsteht dadurch, dass die Antworten auf Fragen und
Einwände erkennen lassen, dass die Sache gut durchdacht ist oder neue
Anregungen gerne der Sache zuliebe aufgenommen werden.
Direktdemokratische
Rechte als Korrektiv gegen das Machtstreben
Da die
Bürger als Souverän in allen Angelegenheiten letztendlich entscheiden können,
haben die Behörden Interesse daran, keine Gesetze oder Verordnungen zu
erlassen, denen die Bürger nicht zustimmen könnten. Deshalb werden die
gewählten Vertreter ständig dazu erzogen – falls sie diese Erziehung nötig
haben – zu überlegen, ob sie mit ihren Vorhaben in Übereinstimmung mit den
Bürgern stehen. Um das zu überprüfen, ist es üblich, bei grösseren Vorhaben
einen Vorentwurf an verschiedene interessierte Gruppen zu schicken und um eine
Stellungnahme zu bitten, sich vernehmen zu lassen – man nennt das
Vernehmlassung. In solchen Vernehmlassungen werden Schwachpunkte einer Vorlage
deutlich und sie dienen dazu, möglichst viele dazu zu bringen, mitzudenken und
Verbesserungen einzubringen. Dazu gehört auch, dass die Behörden ihre Vorhaben
in einer Sprache verfassen müssen, die vom Bürger verstanden wird.
Alle diese
Verfahren verhelfen dem Bürger dazu, wirklich Souverän zu sein, und sich
konstruktiv um Lösungsvorschläge zu bemühen. Das verhindert oder kann und soll
verhindern, sich machtpolitisch geprägte Schlagabtausche zu liefern anstatt
die Kräfte in der Sache einzusetzen. Diese Verfahren führen dazu, dass
möglichst viele Entscheidungen von sachlichen Erwägungen und Argumenten
getragen sind. Weiter ist zu bemerken, dass die Polarisierung und die
Heftigkeit normalerweise geringer ist. Man weiss ja, dass es darum geht, einen
Weg zu finden und darüber hinaus wird man bei einem anderen Sachgeschäft wieder
derselben Meinung sein. Im weiteren erlebt jede und jeder, dass man in einer
Sache nicht recht hatte oder zu voreilig ohne die Sachlage genau zu kennen,
Stellung genommen hat. Das führt meist oder oft zu ruhigerem Abwägen. Alle
Abläufe in solchem Ringen um das beste führen zur Erfahrung, dass man einen
Konsens finden kann, auch wenn man in einzelnen Fragen doch ganz weit von
einander entfernt ist.
Die Gemeinden bilden den soliden Unterbau der kantonalen und eidgenössischen Demokratie, weil in ihnen die Gleichheit, die Selbstbestimmung direkt erlebt werden kann. Hier bildet sich der Gedanke des Konsenses, die Berücksichtigung aller Interessen soweit als möglich. Daraus folgt die allgemeine Einsicht, dass reine Opposition nicht entscheidend ist für ein gutes Zusammenleben in einer selbstbestimmten Organisationsform ist, sondern die Fähigkeit zu konstruktiver Mitarbeit.
Das
Ergebnis dieser verschiedenen Verfahren und die damit verbundenen Abwägungen
und Auseinandersetzungen ist, dass die notwendigen Gesetze, auch die Belastungen
wie Steuern und Abgaben als selbstbestimmte, eigene Gesetze angesehen werden –
zumindest weiss man, wie sie zustande gekommen sind und welche Argumente dazu
geführt haben. Deshalb
d) Die Kantone
Nach den Gemeinden werden auf einer weiteren Ebene, den Kantonen, weitere Aufgaben erledigt. Diese Kantone bestehen aus unterschiedliche vielen Einwohnern, zwischen 15000 (Appenzell Innerrhoden) und 1,3 Millionen (Zürich). Sie gelten als der eigentliche Staat, werden als begrenzt autonom angesehen wie die Gemeinden. Sie ziehen deshalb auch die Staatssteuern ein, die sehr unterschiedlich hoch sein können. Die Kantone erhalten ungefähr die Hälfte aller Steuern, der Bund erhält die 30% von allen Steuern vor allem über die Mehrwertsteuer von 7,5% und der Direkten Bundessteuer. Die Eigenstaatlichkeit der Kantone zeigt sich neben der Steuerhoheit auch in der eigenen Verfassungshoheit und der Freiheit von politischer Kontrolle durch den Bund. Den Kantonen unterstehen die Schulen, die Kirchen und die Polizei. Sie besitzen ein eigenes Zivil- und Strafrecht. Die Kantone müssen allerdings Bundesrecht in ihren Kantonen durchsetzen. Die Kantone treffen aber oft sogenannte Konkordate mit anderen Kantonen, um gemeinsame Angelegenheiten zu regeln. Wie zwischenstaatliche Vereinbarungen verlangen sie Einstimmigkeit. Die Kantone versuchen seit 1993 ihren Einfluss auf den Bund zu verstärken, indem sie sich als Konferenz der Kantonsregierung mit der Aussenpolitik befassen und Einfluss nehmen wollen.
Eine ähnliche Anzahl von 1-5% der Unterschriften aller
Stimmberechtigten reichen, um ein neues Anliegen zur Abstimmung durch das ganze
Volk zu bringen (Initiative). Wie weit diese Rechte in Anspruch genommen
werden, hängst mit der Eigeninitiative und der Eigenverantwortung der Bürger
zusammen und diese wiederum mit den Erfahrungen von Selbstbestimmung in
Familie, freien Vereinigungen und Gemeinden. Die Initiativen können eine Teilrevision
der Kantonsverfassung sein, eine Gesetzesinitiative, in einigen Kantonen auch eine
Initiative zur Abberufung von Regierung oder Parlament oder eine Initiative zur
Auflösung einer Standesinitiative, also eine Gesetzesinitiative mehrere Kantone
an die Bundesversammlung, die zwei Kammern des Bundes.
Wie in den Gemeinden werden auch im Kanton die Exekutivpolitiker vom Volk gewählt, normalerweise im Majorzverfahren. Im Unterschied zu anderen Ländern arbeiten die Parteien normalerweise insofern zusammen, dass sie freiwillig den anderen Parteien ein ihrem Wähleranteil entsprechende Vertretung in der Regierung zugestehen, so dass die Regierungen im Normalfall sogenannte Konkordanzregierungen sind, deren Vertreter aus allen grossen Parteien ohne Chef auf gleicher Augenhöhe die Regierung bilden und diskutieren, wobei der Leiter einer bestimmten Behörde das Geschäft nach seiner Einschätzung im Parlament vertritt. Dafür braucht es Persönlichkeiten, die in der Lage sind und das auch zum Ausdruck bringen, mit den anderen im bestmöglichen Konsens zusammenzuarbeiten, sonst werden sie normalerweise abgewählt. Man kann auch hier wieder sagen, dass dieser Konsens auch durch die Möglichkeit erzwungen wird, dass das Volk jedes Gesetz zurückweisen kann
Die Direkte Demokratie erreicht nicht nur bei den Exekutivmitgliedern, sondern auch bei den Parlamentariern eine konstruktive Zusammenarbeit, denn sie müssen einigermassen dem Willen des Volkes entsprechen. Gehen die Vorschläge zu stark in eine falsche Richtung, werden sie nicht akzeptiert. Die Parlamentarier müssen sich also immer am Volk orientieren, sonst werden sie blamiert als Vertreter einer Partei, die sich immer gegen die Meinung im Volk stellt. Man sagt auch manchmal, das mündige Volk ist die Opposition, nicht eine oder mehrere Parteien im Gegensatz zur Regierungspartei
Eine weitere Bremse für die Übergehung des Volkswillens liegt darin, dass es auch auf Kantonsebene und auf Bundesebene keine Berufsparlamentarier gibt. Jeder muss sein Geld im eigenen Beruf verdienen. Deshalb gibt es wenige, die mehrere Wahlperioden im Parlament bleiben. Es findet ein relativ schneller Wechsel in diesen sogenannten Milizparlamenten statt. Der einzelne hat mit der Parlamentsarbeit zusätzlich Arbeit, aber normalerweise keinen besseren Verdienst. Man trifft sich deshalb im grössten Kantonsparlament in Zürich einmal pro Woche am frühen Abend und weiteren Kommissionssitzungen. Der Vorteil des Milizparlaments liegt auch darin, dass sich fast jeder schon aus Zeitgründen daran beteiligt, möglichst konstruktiv zu einer Lösung zu kommen und sich kritisieren lassen muss, wenn er aus Profilierungssucht redet oder das Parlament beschäftigt.
Bedeutungsvoll
für die Selbstbestimmung der Bürger ist darüber hinaus, dass die Kantonalparteien
der gleichen Partei, oft auch die Parteien einzelner Gemeinden verschiedene
Ansichten vertreten und entsprechende Parolen bei Abstimmungen abgeben
Einen
Fraktionszwang gibt es offiziell in den Parlamenten nicht. Die SP und die
Grünen stimmen sehr einheitlich, bürgerliche Parteivertreter stimmen in den
Parlamenten oft sehr unterschiedlich ab. Listen von Parteimitgliedern gibt es
im Gegensatz zu den Linken bei den bürgerlichen und Mitteparteien nur auf
kantonaler Ebene. Die kantonalen Parteien legen grossen Wert darauf,
eigenständig gesehen zu werden, trotz starker Einflüsse wirtschaftsnaher
Berater, eine Partei müsse eine Corporate Identity ausstrahlen, der sich alle
unterzuordnen hätten.
e) Der Bundesstaat
Der
Bundesstaat kann und soll nur existieren, als er das Selbstbestimmungsrecht des
Volkes nicht einschränkt und doch verschiedene Aufgaben erfüllen kann: Die
Aussenbeziehungen, die Landesverteidigung – bis vor kurzem beim Einsatz und
Ausbildung unter Mitkontrolle der Kantone, Zoll-, Münz- und Währungswesen, Atomenergie,
Wasserkraft, Post, Handels-, Industrie- und Arbeitsgesetze, deren Ausführung
den Kantonen übertragen ist. Es braucht auch hier einen guten Konsens, um die
Anliegen aller wirklich zur Geltung zu bringen. So werden in den verschiedenen
Kantonen entsprechend ihrer Grösse unterschiedlich viel Parlamentarier für den
200köpfigen Nationalrat gewählt. Das bedeutet zwar, dass man im grössten Kanton
Zürich nur 3% Stimmen für einen Sitz braucht, in anderen 50%, aber dafür sind
sie Vertreter des Kantons. Neben dem Nationalrat gibt es in der Schweiz den 46köpfigen
Ständerat, den Rat der Kantone, in den jeder Vollkanton 2 Delegierte schickt,
unabhängig von seiner Grösse. Es sind aber keine Vertreter der
Kantonsregierungen wie etwa in Deutschland, sondern vom Volk gewählte
unabhängige Vertreter, um auch den kleinen Kantonen genug Einfluss zu sichern. Die
Ständeräte verstehen sich deshalb normalerweise selbst auch mehr als Vertreter
ihrer Kantone denn als Vertreter ihrer Parteien. Sie müssen im Kanton als
Persönlichkeiten auch gut verankert sein, wenn sie gewählt werden sollen. Denn
fast keine Partei in der Schweiz hat heute in einem der Kantone eine Mehrheit
von über 50%. Auf Bundesebene hat die grösste Partei 26%.
Alle
Gesetzesvorlagen müssen im Bund von beiden Räten, dem Ständerat
und dem
Nationalrat, verabschiedet worden sein. Bei gegensätzlicher Stellungnahme soll
ein Konsens gefunden werden. Gelingt das nicht, wird die Gesetzesvorlage
aufgegeben.
Die
Bundesregierung wird vom Parlament gewählt. Es handelt sich dabei um
Departementsvorsteher, die also ihre einzelnen Abteilungen dafür leiten
sollen, dass sie den Willen des Volkes umsetzen. Es handelt sich ebenfalls um
ein Gremium von 7 gleichberechtigten Mitgliedern, von denen nacheinander einer
für ein Jahr als Präsident nach aussen hin auftritt. Es gibt also keinen
Ministerpräsidenten oder Staatspräsidenten, der die anderen einstellt, führt
oder entlässt. Sie müssen sich im Konsens auf die Regierungsgeschäfte einigen,
wobei es kein eigentliches Regierungsprogramm gibt, denn es sollen vor allem
die anstehenden Geschäfte erledigt werden, die vom Parlament oder vom Volk
direkt vorgeschrieben werden.
Der
Bundesstaat als Teil der Direkten Demokratie lebt davon, dass die Bürger in den
kleineren Einheiten ihre Selbstbestimmung ausüben. Entsprechend sind sie
darauf vorbereitet, grössere zusammenhänge mitzudenken, Mut dazu zu haben, sich
eine eigene Meinung zu bilden und sich beim Entwickeln der besten Lösung zu
beteiligen. Je nachdem, ob in den kleinen Einheiten diejenigen sich bewähren
konnten, die zu konstruktiver Zusammenarbeit für das allgemeine Wohl in der
Lage sind, werden auch die Parlamentarier auf Bundesebene und die meist daraus
hervorgehenden Bundesräte entsprechende Persönlichkeiten sein.
e) Die
EU und supranationale Gebilde
Wenn man
diesen Aufbau genau untersucht, so kann sich selbstverständlich auch über den
jetzigen Bundesstaat hinaus ebenso eine Zusammenarbeit mit ähnlich aufgebauten Bundesstaaten
ergeben, die auf einer weiteren Ebene die Volkssouveränität verwirklichen. Wir
müssen allerdings feststellen, dass die anderen Staaten in Europa bis jetzt
vollkommen anders aufgebaut sind. Sie haben jederzeit die Chance, von unten
nach oben das Volk zum Souverän zu
machen. Wenn es soweit ist und ein entsprechender Volkswillen gebildet worden
ist, – sicherlich in vielen Gesprächen, Überlegungen und praktischen Versuchen
der gegenseitigen Verständigung – dass es eine institutionalisierte
Zusammenarbeit geben soll, in der auch in Zukunft ein Volkswille zum allgemeinen
Wohl entstehen kann, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Wir müssen natürlich
feststellen, dass zumindest am Anfang auf dieser Ebene nur sehr wenige
Entscheidungen angesiedelt sein sollten, so dass die Vielfalt erhalten werden
kann, ein Konsens über die Jahre gefunden wird und die sinnvollen Formen der
Bildung des Volkswillens organisch entwickelt werden. Ansätze dafür gibt es in
der EFTA, die als freiheitliches Gegenmodell zur ehemaligen EWG und zur heutigen
EU gegründet worden ist, mit der kein Zwang zur
politischen Zusammenarbeit institutionell hervorgerufen wird. Wir haben
in Europa ebenfalls die OSZE. In beiden Organisationen kann die
Volkssouveränität weitgehend erhalten werden. Die EU jedoch ist vom ganzen
Konzept her ein Gegenstück zum freien, mündigen Bürger und zur Direkten
Demokratie. Sie hat sich nie um die Volkssouveräität gekümmert. Im Gegenteil
ist sie wie auch der derzeitige Verfassungsentwurf vom monarchischen Denken in
Europa beseelt, von der Fürstensouveränität, die wir längst überwunden
glaubten. Die Ablehnung des mündigen Bürgers durch die modernen Aristokraten
feiert selbst in der Schweiz Urständ. Der autoritäre Bundesrat Couchepin warnte
gar vor der Diktatur des Volkes, indem er behauptete, das Volk müssten von einer
Elite, ein paar besonders Gescheiten, über Gesetze gezähmt werden, ganz im
Sinne Montesquieus. Typischerweise Waren seine Eltern aus dem zentralistischen Frankreich
zugewandert. Man bezeichnete ihn schon als Stadtpräsident von Martigny im Kanton Wallis abwertend als König dieser
Stadt. Mit solch einem schlechten Leistungsausweis hätte er nicht Bundesrat in
der direktdemokratischen Schweiz werden dürfen. Doch die Partei der
Grosskonzerne, die FDP, nahm ihn als den richtigen Mann, um das Volk in die EU
und in die NATO zu führen. Die Linke, die ebenso offen den EU-Beitritt
vertritt, um von dort die Macht der Nationen zu bändigen, hält auch nichts von
der Stärke des Volkes, von der Volkssouveränität. Sie versteht sich viel eher
als ein global player, als Teil der Absprachegremien, in denen im kleinen Kreis
Politik gemacht wird und akzeptiert deshalb lieber einen autoritären Monarchen.
Stattdessen haben sie mitgeholfen, 2004 eine Frau im Bundesrat abzuwählen, Ruth
Metzler von der CVP, die ihnen zu wenig EU-freundlich war und unterstützten
stattdessen den autoritäreren Joseph Deiss derselben Partei. Das hindert sie
nicht daran, weiterhin darüber zu lamentieren, dass es zu wenig Frauen im
Bundesrat gäbe. Schon 4 Jahre vorher haben sie eine Frau der Schweizerischen
Volkspartei abgelehnt, Rita Fuhrer, und stattdessen den ihnen genehmeren Samuel
Schmidt gewählt. Dieser führt die Schweizer Armee in die NATO und zu
Ausläandseinsätzen, die Teil der neuen Friedenskriegspolitik der Linken ist.
3) Föderalismus
Die ganze Konstruktion nennt man Föderalismus, der tatsächlich die meisten Entscheide so nah wie möglich am Volk belässt. Im Vergleich zum deutschen Föderalismus von 80 Millionen Einwohnern hat die Schweiz mit 7,5 Millionen Einwohnern gleich viele Körperschaften. In Deutschland sind allerdings die Rechte der kleineren Einheiten viel geringer. Der Föderalismus steht ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen der sogenannten „Föderalisten“ in der EU, die mit Föderalismus wie in den USA meinen, dass die EU ein Zentralstaat sein soll, dessen Glieder sich der Zentralen unterordnen müssen.
Föderalismus muss ein selbstverständlicher Teil der Idee sein, dass der Bürger über sich selbst bestimmen kann. Denn in vielen Bereichen wollen die Bürger ihre eigene Art verwirklichen, wie sie ein Problem lösen.
In der Schweiz stellen sich immer mehr Ökonomen hinter die Direkte Demokratie, die von dieser Zunft vor einiger Zeit in Frage gestellt wurde. Sie haben erkannt, dass gerade im föderalen Staat verschieden Formen der Selbstorganisation von den initiativen und verantwortungsbereiten Bürgern hervorgebracht werden, so dass es viel eher dazu kommt, in der Praxis die beste Lösung herauszufinden. Weiterhin betrifft eine Fehlentwicklung nicht so viele Menschen und das gesamte System leidet nicht an Fehlentscheidungen einiger weniger. Die Selbstbestimmung in ihrer föderalen Form ist darüber hinaus nachhaltiger, weil einzelne Teile relativ unabhängig von anderen existieren und deshalb von anderen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn sie fehllaufen. Die Ökonomen benutzen dafür den Begriff des benchmarking, also das ständigen Streben, sich am Besten zu orientieren, der für die Direkte Demokratie spricht. Nehmen wir das hin, obwohl damit ein grosser Teil vom Wesen der Direkten Demokratie, nämlich dem freien Zusammenschluss eigenständiger Bürger zum Erfassen des allgemeinen Wohls, nicht erkannt ist.
Was
bedeuten alle unsere Überlegungen über die Selbstbestimmung und die
Selbstorganisation der Bürger, mit der das Gemeinwohl besser gelebt werden
kann, für die Versorgung dieser Bürger?
Die
Wirtschaft als Teil des selbstbestimmten Menschen
Wir sind
der Ansicht, dass es keinen Grund gibt, die Wirtschaft von der
gemeinschaftlich-genossenschaftlichen Ausrichtung des Zusammenlebens
auszuschliessen. Im Gegenteil. Wenn der mündige Bürger sich für das Ganze
verantwortlich fühlt, dann kann die Wirtschaft nicht ausgeklammert werden. Die
Wirtschaft ist ja nichts anderes als die Herstellung der Güter und
Dienstleistungen und deren Vermittlung an die einzelnen, die für ein gutes
Leben, also auch für den Wohlstand für alle, notwendig sind. Das bedeutet
nichts anderes als dass die Entscheidungen über die grundsätzliche Art und Weise
des Wirtschaftens entweder ebenfalls von den Bürgern getroffen werden, also in
Genossenschaften oder Korporationen oder dass die privaten Unternehmen in
dieser Gemeinschaft verankert sein müssen und die wirtschaftlichen
Organisationsformen so beschaffen sein müssen, dass die einzelnen sich für das
Allgemeinwohl verantwortlich fühlen können und auch fühlen müssen. Der
Versuch, die Wirtschaft auf dem Menschenbild vom egozentrischen
selbstherrlichen Einzelnen aufzubauen, dessen Streben nach mehr Geld, Einfluss
und wirtschaftlicher Macht irgendwann auch dem Bescheideneren,
gemeinschaftlicher Denkenden oder dem Nichtbevorzugten zugute kommen soll,
erfordert ganz andere „Anführer“ und andere Werte als in der
direktdemokratischen Gesellschaft. Auch in der Wirtschaft ist es nötig und
möglich, die zu stützen, die für das Ganze zu denken und zu handeln in der Lage
sind.
Gerade in
der Schweiz, in der viele Unternehmer von der direkten Demokratie geprägt
waren, war die Verantwortungsbereitschaft oftmals vorhanden. So gründeten
Grossunternehmer die Vereinigung Industrie und Landwirtschaft nach dem 1.
Weltkrieg, um zu verhindern, dass es noch einmal eine Hungersnot geben würde,
unter der vor allem die Arbeiter zu leiden hatten. Sie arbeiteten in einer Zeit
grösserer Globalisierung als heute dafür, dass die Ernährungssouveränität der
Schweiz wieder hergestellt wurde und entsprechende Gesetze die Landwirtschaft
schützten sowie eine möglichst gleichmässige Verteilung der vorhandenen
Nahrungsmittel unter allen Bevölkerungsschichten auch im Notfall möglich wird.
Dies hatte zur Folge, dass die Schweiz im 2. Weltkrieg viel mehr verschiedene
Produkte herzustellen in der Lage war und die Bevölkerung zwar mit sehr wenig
auskommen musste – mit weniger als die Deutschen –, aber wenigstens genug
Kartoffeln da waren und die städtische Arbeiterschaft nicht verhungerte. Diese
Erfahrungen, Hunger zu vermeiden, führten zur entsprechenden Entwicklung der
FAO in den 50er Jahren, für die Traugott Wahlen verantwortlich zeichnete. Er
unterstützte Ende der 50er Jahre und Anfang der 60er Jahre als Bundesrat auch
den Aufbau der EFTA.
Leider steht
diese Ausrichtung der Wirtschaft auf das Allgemeinwohl heute oft oder meist nicht
mehr im Vordergrund – wenigstens bei den Grossbetriebenl. In einer Studie der Privatbankstiftung
Vontobel „Kilometer Null“ wurde herausgearbeitet, dass einige der bekanntesten
Schweizer Industriebetriebe aus folgenden Gründen selbstverschuldet untergingen:
Verführung durch eingemietete Berater, Ausrichtung auf kurzfristige
Gewinnmaximierung, ratlose Umstrukturierungen ohne Ende, Fusionen ins Abseits
und falsche Übernahmen, masslose Löhne und Boni auf den Führungsetagen,
schnelle Führungswechsel, missglücktes Outsourcing, überstürzte
Produkteentwicklung, pseudovisionäre
Selbstüberschätzung, skrupellose Profitgier, Unfähigkeit, menschenverachtende
Spekulationen. Vor wenigen Jahren hat der Präsident der Vereinigung chemischer
Firmen in der Schweiz in seiner Abschiedsrede beklagt, dass der heutige Manager
in der chemischen Industrie den Finanzanalysten ausgeliefert ist, die mit
ihrem Urteil über das Schicksal einer Firma entscheiden. Er erklärte, dass
heute die Ausrichtung auf die Aktienentwicklung das erste Ziel der
aktienkodierten Firmen ist, während die Aufgaben der Unternehmen vor einigen
Jahren noch die Produktion hochwertiger Güter für die Konsumenten zu einem
möglichst erschwinglichen Preis gewesen sei und die Schaffung von guten Arbeitsplätzen
für längere Zeit, wozu auch ein Gewinn der Unternehmung nötig war. Das
bedauerte und beklagte dieser aufrechte Mensch zutiefst.
Das
bedeutet, dass sogar der verantwortungsbewusste Manager keine Wahl hat und sich
seiner Verantwortung für den Konsumenten und seine Angestellte, seine ihm
Anvertrauten, entledigen muss, wenn es die Aktienkurse erfordern. Diese
selbstgeschaffenen Zwänge entsprechen nicht unserer Vorstellung davon, dass die
Menschen sich in allen Bereichen frei organisieren und ihre Initiativen zum
allgemeinen Wohl einsetzen können und sollen.
Wir haben
hier nur den Bereich gestreift, wie eine Wirtschaft aufgebaut sein muss, die
mit der Direkten Demokratie verbunden sein kann. Dies sollte in einem anderen
Zusammenhang vertieft werden. Durchdenken wir heute nur ein paar Punkte, warum
die Selbstversorgung von grosser Bedeutung für die Selbstbestimmung und Selbstorganisation
ist.
Wirtschaftliche
Selbstbestimmung in regionalen Zusammenhängen
Vorausschicken
möchte ich aber zuerst: Wenn wir dafür plädieren, die Versorgung in den eigenen
Händen zu behalten, so sind wir nicht der Meinung, dass man ganz autark sein
kann. Das wäre eine Illusion. Es geht aber darum, wichtige Bereiche des Wirtschaftens
so zu organisieren, dass Produkte und Dienstleistungen sie in einzelne
Regionen so weit wie möglich dezentral hergestellt oder angeboten werden.
Warum
finden wir das wichtig?
Der
Bürger kann sich am besten in der eigenen Gemeinde, in der eigenen Region, um
die verschiedenen Aspekte des Lebens kümmern. Er erhält Einsichten in die
wirtschaftlichen Abläufe und kann mitdenken. Auch im Bereich der Wirtschaft
kann der Bürger mit anderen über die beste Organisation diskutieren. Zudem
ergibt diese Teilnahme ein ausgefüllteres Leben und Zugang zu grundlegenden
Erfahrungen des Lebens. So ist es sinnvoll, wenn der einzelne in einem Garten
die Naturzusammenhänge erfährt, die richtige und gesunde Verwertung,
Haltbarmachung und Lagerung der Nahrungsmittel erlernt, die Herstellung oder
das Reparieren von Geräten kennenlernt, Einblick in grundlegende handwerkliche
Fähigkeiten anstrebt, medizinische und hygienische Grundkenntnisse und am
Erziehungsprozess teilnimmt mitwirkt. Wenn das in einem gemeinschaftlichen
Umfeld erfolgt, dann kann der einzelne Mensch erleben, dass er das Leben selbst
in die Hand nehmen kann und nicht dauernd auf anonyme Mächte angewiesen ist,
die ihn versorgen müssen. Wir sehen in vielen Ländern, die autoritär
strukturiert sind, dass den Menschen grundlegende Kenntnisse fehlen, aber auch
der Antrieb und der Mut genommen worden ist, dass sie sich des eigenen Verstandes
bedienen, und das eigene Leben mit anderen gestalten. Es ist kein Wunder, dass
Pestalozzi und seine Schüler gerade diese Fähigkeiten weitergeben wollten,
indem sie sahen, dass die Menschen sich passiv ihrem Schicksal auslieferten.
Die
Selbstbestimmung kann mit politischem oder wirtschaftlichem Druck ausser Kraft
gesetzt werden, sei es von Grosskonzernen, die einfach kein Interesse an einer
Sache haben beispielsweise keine neuen Medikamente für weitverbreitete
Krankheiten entwickeln, weil sie wegen Geldmangels nicht gekauft würden oder
kolonialistische Militärkräfte wie im Moment vor allem die USA, die NATO, die EU, Russland oder zunehmend China. Wenn wir in wichtigen Bereichen des
gemeinschaftlichen Lebens von Grossmächten abhängig werden, dann ist die Gefahr
auch gross, dass die Zulieferer diese Abhängigkeit nutzen, um politischen Druck
auszuüben. Das sahen wir vor kurzem beim Stopp der Gaslieferung aus Russland an
die Ukraine, aber auch an Deutschland. Das sahen wir aber auch in der ganzen
Zeit des Kolonialismus, während dem den einzelnen Ländern bestimmte
Produktionen zugedacht waren, die sie in allen anderen bereichen abhängig
machten. Wir sahen das aber auch im 19. Jahrhundert bei uns, wo die
Grosshändler die Landwirtschaftsprodukte billig aufkauften und die Waren teuer
verkauften, bis es gelang, mit Genossenschaften die landwirtschaftlichen
Produkte teurer zu verkaufen und Produktionsmittel in grösserer Masse billiger
anzukaufen. Wir sehen die fatale Auswirkung aber auch am Beispiel Österreichs,
das von der EU boykottiert wurde, als die falsche Regierung an die Macht kommen
sollte und zwar ausdrücklich nicht wegen Haider – sie erinnern sich vielleicht
– sondern weil einer Minister werden sollte, der sich gegen die EU gerichtet
hatte und weil Österreich im EU-Reich
die Aufgabe zu erfüllen hatte, die ehemaligen K&K-Länder an die EU zu
ketten – so jedenfalls erklärte dies der damalige aussenpolitische Sprecher der
Regierungspartei SPD, Ebert, im Österreichgespräch des ORF. Kürzlich teste die
EU die Standfestigkeit der Schweiz, indem sie die Steuerhoheit der Schweiz und
damit deren Souveränität in Frage stellte.
An der
Nachhaltigkeitskonferenz in Johannesburg 2002 erklärten die Staatschefs, dass
in Zukunft in Afrika und Südamerika die Nahrungsmittel für den Norden
produziert werden können. Das ist nicht nur ein Transportblödsinn, der auch
ökologisch nicht zu rechtfertigen ist, sondern gibt den Transportfirmen die
Macht über die europäischen Staaten.
Auch
ohne gezielte Druckversuche, liefert man sich bei der Massenproduktion in
bestimmten Teilen der Welt dem Funktionieren der Herstellung, der Transporte
und dem Währungssystem aus. Da können Naturkatastrophen eine Rolle spielen,
aber auch Kriege, die man nicht selbst beeinflussen kann. Es ist zudem eine
komische Vorstellung zu wissen, dass man selbst essen kann und andere aus der
Herstellungsregion hungern, nur weil man selbst genug Geld hatte und jener
nicht.
Weiterhin kann man die Art der Produktion nicht beeinflussen und mittragen: Man
kann zwar Kontrollen erzwingen, aber es kann kein Vertrauen aufkommen, dass der
Produzent die Waren zum Beispiel ökologisch herstellt, sich für die Gesundheit
der Konsumenten verantwortlich fühlt oder die Arbeiter richtig geschützt und
bezahlt sind.
Welche
Bereiche müssen kleinräumig strukturiert sein?
Wir
plädieren deshalb dafür, sich zu überlegen, welche Bereiche des Wirtschaftens
kleinräumig gestaltet werden müssen, um zu verhindern, dass die eigene
souveräne Gesellschaft in zu grosse Abhängigkeit geraten kann. Dieses Problem
stellt sich zudem besonders in Zeiten, in denen es eine just in time Produktion
fast ohne Lagerhaltung aufgebaut sind.
Wir denken
deshalb zunächst an die Landwirtschaft, die regional organisiert sein muss. Wir
unterstützen die Forderung der Ernährungssouveränität. Ebenso muss das
Gesundheitswesen, die Wasserversorgung, die Energieversorgung, die
Kommunikation, das Schulwesen in den Händen der Bürger sein oder wenigstens so
organisiert sein, dass sie nicht privatisiert an Grosskonzerne verkauft werden
können.
Dafür
müssen für diese Bereiche auch entsprechende Preise bezahlt werden. Unter
anderem ist deshalb der vorgeschlagene Milchboykott in ganz Europa zu
unterstützen, der den Milchviehaltern einen Preis ermöglicht, der mindestens
kostendeckend ist. Das hätte Auswirkungen auch auf andere landwirtschaftliche
Waren. Zu beachten ist, dass die Nahrungsmittel prinizipiell teurer sein
müssen, weil sie nicht weiterhin dem Produktionsfortschritt der Industrie
folgen können. Deren Herstellung ist boden- und klimaabhängig und kann nicht
einfach weiter ausgebaut werden.
Dieser
fruchtbare Boden muss geschützt werden, auch vor der Spekulation.
Ebenso
muss besonders haushälterisch mit Wasser umgegangen werden. Es darf wie die
anderen Güter nicht den Grosskonzernen übergeben werden und in möglichst jedem
Haus sollte Wasser gesammelt werden, wenn es regnet.
Mit neuen
Techniken und Materialien können wir heute den Energieverbrauch stark senken.
Die notwendige Energie sollte aus der Region kommen, insbesondere die
Sonnenenergie, die Windenergie und an entsprechenden Orten das Holz können die Energiesouveränität
stark ermöglichen, insbesondere bei Stromproduktion in Solarzellen. Sie haben
hier in Österreich ein gutes Beispiel, das Dorf Güssing, das sich innerhalb von
10 Jahren energieunabhängig gemacht hat und dabei noch viele Arbeitsplätze
geschaffen hat, an einem Standort, der von den gescheiten Raumplanern zur
Entvölkerung vorgesehen war. Wir meinen, dass Biogas nur an besonderen Orten
geeignet ist, da wir weltweit nicht genug Land für die Nahrungsmittelproduktion
zur Verfügung haben.
Im
Gesundheitswesen braucht es eventuell auch Genossenschaften oder neue Kassen,
um die ausufernde Bürokratie der Krankenkassen und deren Kontrollfunktion
einzuschränken. Gerade das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient muss
gestärkt werden. Wir können nicht Verantwortlichkeit durch ständig ausgeweitete
Qualitätskontrollen ersetzen, die jedem unterstellt, er wolle eigentlich seine
Aufgaben für andere Menschen nicht
erfüllen und ihn damit entmündigt und flügellahm macht respektive das
Engagement darauf lenkt, die Kontrollen und Einschränkungen möglichst
intelligent zu umgehen. Jeder Mensch muss wissen, dass für ihn so gut wie
möglich gesorgt ist. Es ist unmöglich, sich für alles selbst absichern zu wollen.
Es muss möglich sein, sich auf die Solidarität der anderen zu verlassen.
Ebenso müssen die Schulen die Schulen des Volkes bleiben oder werden und nicht als private Dienstleistungen der Selbstbestimmung des Volkes entzogen werden.
Sehr
wichtig scheint uns, dass die eigene Wertschöpfung in der Region bleiben kann.
Dafür kann eine eigene Währung, die in einer Region zirkuliert und vielleicht
wie das Experiment von Wörgl im 2. Weltkrieg gezeigt hat, durch Schwundgeld
eine eigene Wirtschaftsaktivität anregt. Dies ist umso wichtiger in Ländern, in
denen mit dem Euro auch die Souveränität über die eigene Währung verloren
gegangen ist. Prinzipiell stellt sich die Frage, ob man zulassen soll, dass man
mittels Geldanlagen sein Vermögen erhöhen kann, ohne etwas dafür zu arbeiten,
also ob man einen Zinsertrag mit seinem Vermögen erzielen kann.
Was möchte ich also vorschlagen, um die direkte
Demokratie zu fördern?
Zuerst sollte man grundsätzlich die Selbstbestimmung in allen Bereichen fördern, so dass die Bürger sich dem allgemeinen Wohl widmen können. Dazu gehören unter anderem die gerade erwähnten Bereiche, aber auch alle Zusammenschlüsse, durch die ein Problem gemeinsam gelöst werden kann.
Zusätzlich können in jeder Gemeinde Volksversammlungen organisiert werden, an denen Probleme diskutiert werden und über diese konsultativ abgestimmt wird. Man muss nicht auf die Erlaubnis dafür warten. Es gibt sicherlich aber auch Bürgermeister oder Gemeinderäte, die sich freiwillig verpflichten, den Beschlüssen im Normalfall zu folgen, wenn alle Bürger eingeladen wurden, eine entsprechende Anzahl Bürger anwesend war und die Argumente frei und unverfälscht vorgebracht werden konnten. An solchen Versammlungen könnten aber auch anstehende Probleme gemeinsam direkt und ohne die Gemeindeverwaltung zum Beispiel in Genossenschaften gelöst werden.
Es können aber auch Versammlungen zu anstehenden Problemen in einer Region einerufen werden, zum Beispiel über die Energieversorgung.
Besonders wichtig ist die Entwicklung von Initiative und Referendum für finanzielle und gesetzliche Angelegenheiten mit dem Recht, nach freier Sammlung darüber abstimmen zu können. Ich denke, dass sich dafür verschiedene Bürgermeister und Gemeinderäte stark machen könnten. So wäre nämlich ihre Politik besser abgesichert und sie müssten nicht angst haben, dass sie schnell abgewählt werden, wenn sie doch den Willen des Volkes ausführen.
Man darf sich vom vordergründigen Desinteresse vieler
Bürger nicht beeindrucken lassen. Es ist normal, dass jemand sich nicht mit
einer Sache beschäftigen will, von der er den Eindruck hat, es sei zu schwierig
oder es gehe ihn nichts an. Das braucht Überzeugungskraft und manchmal erst das
Erlebnis, dass Engagement etwas bewirkt.
Wenn wir zum
Schluss noch einen Schritt weitergehen, so sehen wir, dass die Selbstbestimmung
die Unabhängigkeit eines Landes erfordert, in dem die Volkssouveränität gelebt
wird. Es ist noch nicht einmal theoretisch durchdacht, wie unter 500 Millionen
Bürgern der EU die Volkssouveränität hergestellt werden will. Alleine die
vielen Sprachen und die verschiedenen Völker, die sich in ihren Mentalitäten
noch nicht einmal kennen, geschweige denn sich verstehen. Will man sich zur
Verwirklichung des allgemeinen Wohls als Bürger zusammenschliessen, so kann dies
nur ein langer Weg sein. In der kleinen Schweiz brauchte es ein paar Hundert
Jahre, bis die verschiedenen Kulturen, Völker und Sprachen überhaupt in einem
Bundesstaat zusammenwirken konnten.
Direkte
Demokratie und regionale Versorgungssystem können die staatliche Unabhängigkeit
alleine nicht garantieren. Sie sind wichtige Grundpfeiler dafür, weil aus der
freien Willensbildung und gemeinsamem Handeln der Bürger Verantwortlichkeiten
und Bürgersinn entsteht, die man sich nicht so leicht nehmen lässt. Allerdings
braucht es für die staatliche Unabhängigkeit noch viel mehr. Es braucht die
Neutralität, die Nichtbeteiligung an militärischen Bündnissen, es braucht die
staatliche Souveränität, die in gewissem Mass von anderen anerkannt wird, es
braucht Abkommen mit anderen Staaten, eine eigene Währung und eine unabhängige
Verteidigungsarmee bzw. eine organisierte soziale Verteidigung oder zumindest
eine Vorbereitung darauf, denjenigen entgegentreten zu können, die einem die
Freiheit, die selbstorganisierte Gesellschaft nehmen wollen.
Die Neutralität
ergibt sich aus dem Menschenbild, auf dem die Kulturen in der Schweiz aufgebaut
sind. Schon die alte Eidgenossenschaft verhielt sich seit 1535 neutral und
konnte so die Früchte des Friedens über Jahrhunderte ernten, nämlich das
Vertrauen in die Menschheit, dass man sich nicht organisiert zu Tode schlägt
und alles zerstört, was Generationen mit viel Liebe aufgebaut haben und deshalb
auch das tägliche Engagement sinnvoll und langfristig haltbar ist. Die
immerwährende Neutralität, also eine Neutralität, die nicht nur vorübergehend
aus taktischen Gründen eingegangen wird,
fördert über lange Jahre das Vertrauen aller anderen Länder in eine
Gemeinschaft, die nicht von Machtgelüsten, von strategischen und
Rohstoffinteressen getrieben ist. Diese immerwährende Neutralität ist nicht nur
gut für ein friedliches Zusammenleben im eigenen Land, sondern sie gibt eine
Hoffnung und Zuversicht für alle Menschen, dass man ohne Krieg leben kann. Wir
sind sehr froh, dass sich Österreich seit Jahrzehnten dieser immerwährenden
Neutralität angeschlossen hat und sind enttäuscht und empört, dass diese im
Rahmen der EU–Machtentfaltung ausgehebelt worden ist.
Wir meinen also, dass wir mit der Direkten Demokratie ein Wertesystem und ein institutionalisiertes System haben, das dem mündigen Bürger entspricht und die Demokratisierung auch im wirtschaftlichen Bereich in vielen Staaten erst ermöglichen würde.