Bildung

 

Eigene Privatschulen für die oberen Zehntausend gibt es in unserer Demokratie kaum. Daher ist unsere Primarschule auch eine Schule zum Volk: das Kind hablicher Eltern und die Buben und Mädchen von Kleinbauern und Handlangern werden frühzeitig zusammengeführt, was vielen Standesvorurteilen beizeiten vorbeugt. Das Schulvölklein der Kinder ist eine Vorstufe zum Staatsvolk der Erwachsenen. „Volksbildung ist Volksbefreiung“, steht auf einem Dorfschulhaus. Wir könnte uns keine moderne Demokratie denken, deren Bürger die Vorlagen und Stimmzettel sowie die Zeitungen nicht lesen könnten. Ja, unser Volk muss auch die Gemeinde- und Staatsrechnungen nachprüfen können. Die Demokratie in ihrer schweizerischen Weite und Würde ist nun einmal eine anspruchsvolle Staatsform. Beschränkte Leute meinen etwa, in der Demokratie müsse jeder alles leisten können und jeden Posten übernehmen dürfen. Nein, auch die Volksherrschaft braucht eine Arbeitsteilung, und eine ihrer Hauptaufgaben ist die Suche der rechten Leute für den rechten Platz, also die Volkswahl.
Soldatenbuch, 1959, S. 70
 
 
Die Frage nach der Verantwortung ist die eigentliche Gewissenfrage der Demokratie. Wenn ein Staat soviel taugt wie sein Souverän, so steht und fällt eine Demokratie mit ihrem verantwortungsfreudigen oder verantwortungslosen Volk. Darum ist die Volks-Schule als Schulung zum Volk ein so wesentlicher Richtpunkt der Demokratie: jeder Vater, jeder Schweizer Schulmeister ist Prinzenerzieher.
Georg Thürer. Tragik und Trost der Demokratie. 1936 In: Gemeinschaft im Staatsleben der Schweiz. Haupt-Verlag 1998, S. 62
 
 
Die universelle und intensive Partizipation und politische Mitverantwortlichkeit hat eine politische Schulung der Bürger ergeben, die das gewiss überspitzte Wort rechtfertigt: Ein Schweizer Milizbürger sei politisch besser informiert als der durchschnittliche Abgeordnete des Deutschen Bundestages. “Der Staat sind wir” – dies dürfen Schweizer Bürger mit mehr Berechtigung sagen als die umliegenden, ganz überwiegend repräsentativen Demokratien oder “Wahlaristokratien” des Auslands, wo diese Behauptung mehr oder weniger eine Phrase ist. Das einzige politische Mitbestimmungsrecht, das ein Bürger in den Repräsentativstaaten hat, besteht darin, sich alle Jahre zwischen Meier und Schulze zu entscheiden.
Gerhard Habermann. Eidgenossenschaft, du hast es besser: Über den komparativen Vorteil der Schweiz. In: Walter Hirt, Robert Nef, Richard C. Ritter. Eigenständig. Die Schweiz – ein Sonderfall. Verlag moderne Industrie, 2002 S.215
 
 
Es hiesse nun, wesentliche Kräfte im Bundesleben verkennen, wollte man nicht auch die fortwährende Bürgerschulung durch viele Vereine und Genossenschaften erwähnen. Jede Wahl eines Vorstandes, jede Besprechung und Änderung der Satzungen, jede Versammlung mit dem zu genehmigenden Jahresbericht und der Rechnungsablage geht wie die Gemeindeversammlungen nach eingespielten demokratischen Regeln vor sich, deren Befolgung auch dem Staatsdenken auf genossenschaftlicher Grundlage zugute kommt. Es sind eigentlich staatsbürgerliche Wiederholungskurse in engem Bereich, wo man sich auskennt und die Wohltat guter und die Nachteile schlechter Entscheide oft bald zu spüren bekommt, so dass man aus Erfahrung lernen kann.
Georg Thürer. Die Genossenschaftsidee im schweizerischen Staat, 1977. In: Gemeinschaft im Staatsleben der Schweiz. Haupt-Verlag 1998, S. 198
 
 
Das schweizerische Staatssystem ist anspruchsvoll. Es ist abhängig von der Intelligenz, vom guten Willen, vom persönlichen Einsatz seiner Bürger. (…) Vom Stimmbürger wird heute ein beträchtliches Wissen verlangt, vor allem auf den Gebieten der Politik und Wirtschaft. Es braucht Bildung.
Albert Bachmann, Georges Grossjean. Hrsg: Eidg. Justiz- und Polizeidepartement: Zivilverteidigung, Miles Verlag, Aarau, 1969, S. 23
 
 
Man nennt die Schweiz das Land der Freiheit und guter Schulen. Unsere Demokratie, welche die wichtigsten Entscheide in die Hand ihrer Stimmbürger legt, muss die Bürgerschaft auf ihr hohes Amt vorbereiten. Sonst schlitteln wir in ein Abenteuer hinein. „Ohne politische Erziehung ist das souveräne Volk ein Kind, das mit dem Feuer spielt und jeden Tag das Haus in Gefahr setzt“ schrieb Pestalozzi im Jahr 1798. „Der Anfang und das Ende meiner Politik ist die Erziehung“, bekannte er. Sein Ziel war die Gemeinschaft freier und froher Menschen. Wichtiger als die Schulstube war ihm die Wohnstube, die er sogar ein Heiligtum nannte. Hier wird der Geist des Kindes von den ersten starken Eindrücken für das ganze Leben geprägt; hier soll die Mutter den jungen Menschen mit Liebe umgeben, nicht mit blinder, sondern mit „sehender Liebe“. Wehe uns, wenn der Staat „den Menschen schon im Mutterleib als Staatsgut“ behandelt, wie Pestalozzi dem Kaiser Napoleon vorwarf, der erklärte: „Ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen“. Pestalozzi aber forderte, dass man sich eines jeden einzelnen Menschen annehme, damit er seinen Anlagen gemäss erzogen werde. Jedes Kind ist eine Gabe – und auch eine Aufgabe. Die Schule soll das Kind harmonisch und natürlich bilden. Das blosse Wortwissen und „Maulbrauchen“ war Pestalozzi verhasst. er verlangte anschaulichen Unterricht. Das Kind soll nicht abgerichtet, sondern eben menschenwürdig erzogen werden. Sonst entartet es zum Herdenmenschen, der in der Masse auf- und untergeht. Unser Leitbild  ist der verantwortungsvolle Mitmensch. Dazu kann schon die Schule anhalten, indem sie lehrt und erleben lässt, wie auch in der Klassengemeinschaft der Rat des Einsichtigeren und die Rücksicht auf die Schwächeren unser Denken und handeln bestimmen soll.
Soldatenbuch, 1959, S. 69
 
 
Aus heutiger Sicht ist es zunächst verwunderlich, weshalb im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts soviele aussergewöhnliche Leute soviel Energie und Mühe ins Ausbildungswesen steckten, warum sie von den Schulen oft in erster Linie eine moralische Erziehung erwarteten, die Pestalozzi, Stapfer, Fellenberg, Bonstetten, Girard, Zschokke, Troxler etc.; warum sie von der Schule auch eine Heranbildung zum tüchtigen Arbeiter, zum fähigen Handwerker, zur fleissigen Hausmutter verlangten. Es war der Versuch des durch die Erziehungsromane gebildeten Bürgertums, das Volk, jetzt das “untere” Volk, zu einem Zustand zu bringen, in dem ihm die Rechte zur Ausübung seiner Souveränität auch tatsächlich zuerkannt werden durften -. nicht anders als 60 Jahre später die unterdessen heranwachsende Sozialdemokratie Ausbildungsmöglichkeiten anbot und Arbeiterbibliotheken gründete. Dieser furor paedagogicus darf in solchen Zusammenhängen als eine Blüte am Ast des rousseauschen Baumes verstanden werden. Er wollte bedeuten, dass sich das “Volk” von einer blossen Mengen- oder Mannschaftsbezeichnung, der Masse der Untertanen, über den zu lange rechtlosen Dritten Stand zum Souverän aufgeschwungen hatte und als solcher zum Staatsvolk der Nation geworden war. Aufklärung von oben nach unten sollte dazu führen, dass das belehrte und erzogene Volk von unten nach oben seine Rechte, nun eben die Volksrechte, ausüben konnte.
 
 
Voraussetzung der direkten Demokratie sind gute Schulen, eine gute Ausbildung, insbesondere in politischen, wirtschaftlichen und  geschichtlichen Belangen, eine gewisse Weltkenntnis sowie Selbstdisziplin, Fleiss und Arbeitsfreude. Die Maturitätsquote beträgt heute 18 %. 10 Jahre früher betrug die Quote erst  13 % (Bundesamt für Statistik: Maturitäten 1996)
Hans Baur EU oder Direkte Demokratie. Oratio, Schaffhausen 1998, S. 67
 
 
Unsere Volksherrschaft wäre ein unverantwortliches Abenteuer, wenn wir uns nicht in freier Aussprache ein Bild von der Lage des Landes und von den Vorlagen, welche sie verbessern sollen, machen könnten. Es gibt ja allerdings Fachfragen, die wir nicht ohne weiteres verstehen; aber unsere Vertrauensleute zeigen uns zum Beispiel die Grundzüge eines Übelstandes und der Vorschläge zur Verbesserung auf. In der gegnerischen Presse, oft aber auch in der gleichen Zeitung, melden sich Stimmen, die andere Ansichten vertreten. Wir hören uns beide oder oft auch mehrere Meinungen an und bilden uns dann nach bestem Wissen und Gewissen eine eigene Überzeugung, für welche wir im Gespräch oder auch in der Zeitung einstehen, womöglich mit unserem Namen, denn das Zeitungsschreiben soll kein Versteckspiel sein. Der aufmerksame Leser findet beim Hin und Her, beim Behaupten und Erwidern gewöhnlich bald heraus, wo die Wahrheit ist und wo der richtige Weg durchgeht. So hilft die Pressefreiheit, wie wir Schweizer sie kennen, benützen und schätzen, jenes gesunde Klima schaffen, in welchem Gerechtigkeit gedeiht. Falsche Grössen werden entlarvt, und wenn mitunter ein mächtiger Mann seinen schweren Geldsack auf seine Waagschale wirft, um in den Zeitungen ein grosses Gewicht zu haben, so züngelt bald genug da und dort ein Blättchen, und wenn es nur ein Flugblatt wäre, empor und verschafft sich Gehör.
Soldatenbuch, 1959, S. 76
 
 
Gut gebildete und ausgebildete Menschen sind hoch motiviert. Sie setzen sich ein. Sie sind zufrieden. Sie verdienen hohe Löhne. Eine der Stärken des Wirtschaftssystem der Schweiz ist denn auch die gute Berufsbildung. So waren die Schweizer an der Berufsolympiade in St. Gallen sehr erfolgreich. 38 Berufsarten wurden geprüft. Sie eroberten 19 Medaillen, davon je 8 in Gold und Silber und 3 in Bronze, vor den Vertretern Koreas und Taiwans, die je 17 Medaillen gewannen, während z.B. die Delegationen Frankreichs und Deutschlands nur je 10 gewannen Die Patentanmeldungen netto beim europäischen Patentamt stiegen von 1995 von 2084 auf 2212 im Jahre 96. Die Schweiz rangierte damit an 8. Stelle. Bei den erteilten Patenten pro 1996 nahm sie mit 1 402 Erfindungen den 6. Platz ein. Pro Kopf der Bevölkerung erreichte sie höchste Quote.
Hans Baur. EU oder Direkte Demokratie. Oratio, Schaffhausen 1998, S. 35