25 000 deutsche Milchbauern fordern höhere Preise
Milchlieferstopp angedroht

 

Diethelm Raff, 10.5.07

 

Die Generalprobe für einen europaweit angedrohten Milchlieferstopp ist gelungen. 25 000 deutsche Milchbauern standen gestern anständig, würdig, aber entschlossen vor den Toren von 110 Molkerein, um einen kostendeckenden Preis von 40 Eurocent pro Liter Milch einzufordern (64 Rappen). Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) als Organisator dieser Kundgebungen zur Unterstützung der Molkereien hat damit laut ihrem Vorsitzenden Romuald Schaber in Europa ein Zeichen gesetzt, dass sich die Bauern nicht weiterhin still und leise zum Verschwinden bringen lassen: 5000 müssen derzeit in Deutschland jedes Jahr aufhören.

 

Entschlossenheit der Milchbauern zu existenzsichernden Preisen

Mit dem derzeitigen Preis von 27 bis 29 Eurocent können auch die sehr grossen Bauern in Deutschland nicht mehr kostendeckend produzieren. Das Ziel der EU-Kommission ist sogar 21 Eurocent pro Liter Milch. Deshalb haben sich von rund 100 000 Milchbauern in Deutschland bereits 25 000 im BDM organisiert. Sie produzieren 45% der Milch. Organisiert haben sich vor allem die Vollerwerbsbetriebe, die weiterhin von der Landwirtschaft leben wollen und in die Zukunft investiert haben, aber auch darauf bestehen, dass die Ernährungssouveränität für die Bevölkerung erhalten bleibt.

Der Unmut und die Entschlossenheit der Milchbauern zeigte sich schon Anfang Februar, als über 2000 Bauern zur Generalversammlung des BDM bis nach Berlin fuhren. Damals wurde die Forderung nach 40 Eurocent pro Liter Milch und gegebenenfalls ein Milchlieferstopp beschlossen.

 

 

Gegen 1000 Bauersfamilien vor der Grossmolkerei Omira in Ravensburg

Gestern nun standen zum Beispiel rund 1000 Bauern und ihre Familien in Ravensburg vor der Grossmolkerei Omira, die 6000 Produzenten gehört. BDM-Bezirksvorsitzender Ewald Butscher wünschte sich eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Molkereien, die gegenüber dem Lebensmittelhandel entsprechende Preisforderungen stellen müssten. Die Preise für Milch sinken ständig, die Produktionskosten jedoch steigen, auch weil zum Beispiel die Futtermittelpreise höher werden. 8% der Produktionsfläche in Deutschland mit steigender Tendenz wird für Biogasanlagen zur Heiz- und Stromgewinnung verwendet, sogar Weizen verbrannt.

 

 

Weltweit immer weniger Nahrungsmittel

Butscher betonte, dass die derzeitige Marktlage sehr günstig für die Forderung der Bauern ist. Weltweit gibt es zu wenig Milch und Milchprodukte - auch die EU hat ihre Magermilchpulver und Butterlager seit 2003 auf Null abgebaut. Die Weltmarktpreise steigen seit einem Jahr rapide und nähern sich dem EU-Niveau an. Die Molkereien können nicht mehr einfach auf traditionelle Exportländer wie Neuseeland und Argentinien ausweichen. Die Nachfrage steigt wegen dem höheren Lebensstandard der Mittelschichten in Asien, insbesondere China und Indien. Die weltweiten Vorräte waren noch nie so gering wie derzeit. Arbeitet Europa weiterhin daraufhin, mit wenigen industrialisierten Grossbauern nur noch wenig Nahrungsmittel herzustellen, müssen wir unser Essen den Hungernden vor der Nase wegkaufen.

 

Schweizer Bevölkerung unterstützt angemessene Preise

Die ausländischen Delegationen wurden begrüsst, darunter die Schweizer Delegation der Neuen Bauernkoordination unter der Führung von Hans Stalder. Die neueste Befragung der Bevölkerung in der Schweiz zeigt, dass diese eine ausreichende Selbstversorgung durch bäuerliche Betriebe wünscht, die durch ein angemessenes Einkommen gesichert werden, wenn die Landwirtschaft ökologisch und tiergerecht wirtschaften kann. Deshalb sollte auch in der Schweiz ein entsprechender Preis von 1.10 Fr. gefordert werden, die die langfristige Versorgung der Bevölkerung garantieren könnte.

 

Molkereien befürworten höhere Erzeugerpreise

Geschäftsleiter Wolfgang Nuber von der Omira befürwortete eine Preiswende, auch in der derzeitigen Marktlage. Er liess allerdings offen, wie hoch der Preis sein könnte. Dieser hängt sicherlich damit zusammen, wie stark sich die Bauern organisieren und ihren Forderungen Gehör verschaffen.